Über Esperanto 

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Ist Esperanto "schwierig" oder "leicht", Herr Dorren?

31.03.2020

en Esperanto

Der Journalist Gaston Dorren hat ein Buch über etwa 60 europäische Sprachen geschrieben; der deutsche Titel ist "Sprachen: Eine verbale Reise durch Europa" (2017; englisch: "Lingo: A Language Spotter's Guide to Europe", 2014). Das Kapitel über Esperanto stellt diese Sprache leider unzutreffend dar - es wird u. a. tatsächlich behauptet, Esperanto sei "schwierig". Das Gegenteil ist der Fall: Esperanto ist in etwa einem Viertel der Zeit zu erlernen, die man z. B. für Englisch oder Spanisch braucht.

Auch wenn die Erstveröffentlichung schon einige Zeit zurückliegt - das Buch scheint sich gut zu verkaufen und es trägt somit mehr und mehr dazu bei, in der Öffentlichkeit völlig falsche Vorstellungen zu Esperanto verbreiten. Daher stellt dieser Artikel einige unzutreffende Aussagen mit der entsprechenden Korrektur vor. Außerdem habe ich einen Kommentar auf der Internet-Seite des Autors eingestellt, der noch freigeschaltet werden muss; dieser Kommentar ist unten angefügt (auf Englisch).

Was heißt "schwierig"?

Schon zu Beginn des Kapitels kann man in der deutschen Ausgabe lesen: "Es mag eine Überraschung sein, zu hören, dass Esperanto schwierig ist“ (S. 305-306). Das ist in der Tat eine Überraschung, zumal man ja seit über 130 Jahren weiß, dass Esperanto vergleichsweise leicht ist und viel rascher zu erlernen als andere Sprachen. Ab den 1920-er Jahren gab es dazu auch Schulversuche. Der Psychologe Edward Lee Thorndike hat mit seinen Assistentinnen Laura H. V. Kennon und Helen S. Eaton (Teachers College, Columbia University, New York) schon 1925-1931 festgestellt, dass ein durchschnittlicher Student nach 20 Stunden Lernen geschriebenes oder gesprochenes Esperanto besser versteht als Französisch, Deutsch, Italienisch oder Spanisch nach hundert Stunden Studium. Vierzig Stunden Unterricht und Praxis erlauben es einem Schüler, Esperanto so gut zu verstehen und zu nutzen wie es ihm zweihundert Stunden Unterricht und Praxis in Französisch oder Deutsch erlauben. ("An average college senior or graduate in twenty hours of study will be able to understand printed and spoken Esperanto better than he understands French or German or Italian or Spanish after a hundred hours of study. Forty hours of teaching and practice will equip a pupil in grade 7 or 8 to understand and use Esperanto as well as two hundred hours of teaching and practice will equip him in French or German (…)." Zitiert bei Julia S. Falk. Women, Language and Linguistics. Three American Stories from the First Half of the Twentieth Century. New York. 2002, S. 49-50) Etwa ein Dutzend Schulversuche ist stets zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, Esperanto-Lerner ebenso: Esperanto kann man in ungefähr einem Viertel der Zeit lernen, die für europäische Sprachen wie Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch u.ä. nötig ist (und etwa ein Zehntel oder weniger der Zeit, die für Sprachen wie Chinesisch nötig ist).

Gaston Darren belässt es nicht bei einer einzigen Erwähnung angeblicher Schwierigkeit. Schon etwas vorher (S. 305) meint er zu Esperanto, "angesichts ihrer Schwierigkeiten" könne man sich fragen, "was um Himmels willen sich ihr Erfinder dabei gedacht hat, als er sie entwarf". Ist man mit Esperanto vertraut, fragt man sich eher, was um Himmels willen sich Gaston Dorren dabei gedacht hat, als er so etwas schrieb.

Kurz vor Ende seines Kapitels zu Esperanto fragt Dorren sich, „warum Ludwik Lejzer Zamenhof sich nicht mehr darum bemüht hat, die Sprache leicht erlernbar zu machen“ (S. 308). Auch hier liest sich das so, als sei Esperanto nicht leicht erlernbar, was es doch ganz offensichtlich ist. Erst im letzten Satz schreibt er etwas anderes: Die Welt verständige sich statt auf Esperanto auf Englisch – „eine Sprache, die zugegebenermaßen Esperanto in vielerlei Hinsicht dann doch wieder angenehm leicht erscheinen lässt“. Ach. Nun plötzlich doch, Esperanto „angenehm leicht“ im Vergleich zum Englischen.

Man fragt sich, ob der Autor sein Kapitel mal insgesamt angeschaut hat – erst ist Esperanto „schwierig“, es hat „Schwierigkeiten“, es hätte „leicht erlernbar“ sein sollen – und dann zum Schluss ist Esperanto „angenehm leicht“. So ähnlich äußert er sich übrigens auch auf seiner Internetseite: Esperanto ist relativ leicht im Vergleich mit Englisch, Französisch und einigen anderen Sprachen („Esperanto comes off easily compared to English, French, Italian and some other languages“ Esperanto whispers ). Wir kommen zur alten Frage, unter der schon Generationen von Schülern bei der Analyse von belletristischen Werken gestöhnt haben: Was will der Dichter damit sagen???

Dorrens Versuch, Esperanto mit anderen Sprachen zu vergleichen

So ganz leicht scheint Gaston Dorren die Betrachtung von Sprachen insgesamt nicht zu fallen; sein Vergleich des Esperanto mit anderen europäischen Sprachen gelingt ihm leider nicht, weil er offensichtlich nicht wahrnimmt, dass diese genau dieselben Strukturen haben wie Esperanto. Das ist kein Wunder, schließlich hat Zamenhof sich sorgfältig die anderen Sprachen angeschaut und in Esperanto genau deren Schemata übernommen, nur einfacher und in regelmäßiger Weise.

Auf Seite 307 schreibt Dorren, Esperanto mache mit Adjektiven „komische Sachen“ und führt fort: " ›Das hübsche Mädchen‹ ist zum Beispiel la bela knabino […], aber wenn es zwei Mädchen sind, kriegen nicht nur sie eine Endung verpasst – sie werden zu knabinoj […] –, sondern auch ihr Attribut: belaj. Noch merkwürdiger ist dabei, dass der Artikel unverändert bleibt: La belaj knabinoj, ›die hübschen Mädchen‹. Soweit ich weiß, macht keine andere europäische Sprache so etwas Merkwürdiges."

Schauen wir mal, ob es wirklich „keine andere europäische Sprache“ gibt, die „so etwas Merkwürdiges“ macht. Nehmen wir im Deutschen den Singular, die hübsche Frau, mit dem Plural, die hübschen Frauen. Hier sehen wir genau dasselbe Schema wie im Esperanto: Nicht nur das Substantiv Frau bekommt eine Endung, Frauen, sondern auch das Adjektiv, hübschen. Dieses Schema des Deutschen (und anderer Sprachen) hat Ludwik Zamenhof übernommen. Auch der Artikel die ist im Singular und Plural derselbe – alles so, wie in Esperanto.

Im Englischen finden wir zwar die Pluralbildung nur beim Substantiv, nicht beim Adjektiv, aber ebenso wie im Esperanto bleibt der Artikel unverändert: The beautiful woman, the beautiful women. Das Englische war wohl Zamenhofs Modell für die Entscheidung, nur einen bestimmten Artikel für alle Substantive zu nehmen, im Singular und Plural. Ist ja ziemlich praktisch.

Auch im Niederländischen, der Muttersprache des Autors, hat der Artikel oft im Singular und Plural dieselbe Form, nämlich bei den männlichen und weiblichen Substantiven: De jongen, de jongens (der Junge, die Jungen); de vrouw, de vrouwen (die Frau, die Frauen).

Im Französischen wiederum wird in der Regel sowohl Substantiv als auch Adjektiv in den Plural gesetzt, wie in Esperanto: La belle femme, les belles femmes.

Man kann sich fragen, was für merkwürdige Gedanken Dorren wohl gehabt hat, als er schrieb, soweit er wisse, mache keine andere Sprache „so etwas Merkwürdiges“. Was soll hier merkwürdig sein? Zamenhof hat ganz einfach Modelle aus bestehenden Sprachen in seine neue Sprache übernommen. Dass das durchaus sinnvoll ist, ebenso wie manches andere, das von Dorren bemäkelt wird, das hat Jonathan Cooper im einzelnen erläutert.

Wir können noch anfügen, welche Zwischenbemerkungen Dorren gemacht hat, die oben weggelassen wurden. Nach „la bela knabino“ schreibt er „das wirkt an sich schon seltsam – knabino sieht so männlich aus“; nach „sie werden zu knabinoj“ kann man lesen „ein Wort, das sich so gar nicht mit etwas Schönem in Verbindung bringen lässt“. Für jemanden, dem es nicht einmal gelingt, die Parallelitäten zwischen Esperanto und seiner Muttersprache Niederländisch, dem Englischen, dem Deutschen und dem Französischen herauszufinden, riskiert Dorren hier eine ziemlich dicke Lippe; es sind recht mutige und unsachliche Äußerungen.

Ansonsten hat Dorren eine Reihe von Änderungsvorschlägen für Esperanto zu bieten, von denen manche sicher auch eine gewisse Berechtigung haben. Allerdings: Egal, wie man eine geplante Sprache aufbaut, ob man das Modell aus der einen Gruppe von Sprachen oder aus einer anderen Gruppe von Sprachen nimmt – irgendjemand wird sich immer finden, der es gerne anders hätte. (Viele Leute sprechen im übrigen eine solche oder andere Sprachen, egal wie sie gebaut sind, auch leicht fehlerhaft – oft entsprechend dem Modell ihrer jeweiligen Muttersprache – und werden trotzdem verstanden; auch das wäre zu bedenken und zu erörtern.)

Änderungsvorschläge für Esperanto: Der Redaktionsschluss ist vorbei!

Bei Esperanto ist festzuhalten, dass der Redaktionsschluss für die Sprache lange verstrichen ist; er war zunächst auf das Ende des Jahres 1888 festgelegt (ein Jahr nach der ersten Veröffentlichung), dann wurde doch noch in den 1890-er Jahren eine Abstimmung unter den Lesern der Zeitschrift La Esperantisto angesetzt. Das Ergebnis war: Esperanto bleibt, wie es ist. Dorren kommt mit seinen Überlegungen mehr als hundert Jahre zu spät. Man kann demokratische Entscheidungen bemäkeln oder sie einfach akzeptieren. Esperanto ist heute kein Sprachprojekt mehr, sondern eine Sprache mit einer aktiven Sprachgemeinschaft von ein paar hunderttausend Menschen; ein paar Millionen haben Esperanto gelernt. Da ist die Begeisterung, die Sprache in irgendwelchen kaum erheblichen Punkten zu verändern, in etwa so groß wie bei den Sprechern des Niederländischen oder Englischen bezüglich ihrer Sprache.

Oder selbst eine neue internationale Sprache entwerfen?

Es steht im übrigen jedermann frei, eine – nach eigener Überzeugung – bessere internationale Sprache als Esperanto zu entwerfen. Das haben seit dem Erscheinen des Esperanto schon Hunderte von Sprachschöpfern versucht; einen größeren Erfolg als Esperanto hat keiner gehabt. Vermutlich ist Ido mit etwa einem Hundertstel der Sprecherzahl des Esperanto noch der erfolgreichste Versuch. Das deutet darauf hin, dass etwas wesentlich Besseres als Esperanto nicht gefunden werden konnte; der Management-Autor Peter F. Drucker hat mal in etwa geschrieben, es brauche schon eine Rationalisierung um etwa 30 %, um eine Chance zu haben, die bisherige Lösung für ein bestimmtes Problem zu verdrängen. Schließlich ist es so, dass die Leute sich nicht mit Änderungen beschäftigen wollen, wenn es kaum etwas bringt; so ist das auch bei der Sprache Esperanto.

Ohnehin kein großer Unterschied

Sehr recht hat Dorren mit seiner abschließenden Bemerkung zu seinen Änderungsvorschlägen: „Nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte.“ (S. 309.) Das stimmt. Esperanto lässt sich in etwa 25 % der Zeit lernen, die man für eine Sprache wie Englisch aufwenden muss; das kann man in den Berichten von einem Dutzend Schulversuchen nachlesen, seit knapp hundert Jahren. Es ist denkbar, dass Esperanto mit irgendwelchen Änderungen in nur 23 % oder gar nur 20 % der Zeit für das Englische zu lernen wäre. Allerdings ist das in der Tat nicht entscheidend: Ob man mit Esperanto 75 % der Zeit für das Englischlernen spart oder gar 80 % – das macht keinen erheblichen Unterschied für die Frage, ob man es lernt oder unterstützt.

Es wird leider viel Unsinn über Esperanto geschrieben...

Das Kernproblem für Esperanto ist seit langem, dass alle möglichen Leute, unter ihnen viele Sprachen-Fachleute, über diese Sprache eine große Menge Unsinn sagen und schreiben; eine Sammlung von falschen Aussagen zu Esperanto (vor allem von Sprachprofessorinnen und -professoren) findet sich bei der Gesellschaft für Interlinguistik. Die Sprachen-Fachleute (für andere Sprachen, über Esperanto haben sie in der Regel keinen einzigen wissenschaftlichen Artikel veröffentlicht) betrachten kaum die Wirklichkeit der Esperanto-Sprachgemeinschaft. Sie machen sich nicht die Mühe, die Gegenargumente oder gegenteiligen Darstellungen zu ihren eigenen Aussagen herauszufinden, oder gar (vor einer Veröffentlichung) in Kontakt mit Leuten zu treten, die ein paar Jahrzehnte lang Esperanto sprechen und darüber nicht nur ein paar Seiten, sondern ein paar Dutzend oder ein paar hundert Artikel geschrieben haben. Das wäre vielleicht sinnvoll, dann wird man nicht anschließend in Einzelteile zerlegt und hat das Problem, dass man nicht weiß, was man nun machen soll: Wie ein richtiger Mann auf seinem Standpunkt beharren, und sei er noch so unsinnig. Oder zugeben, dass man sich geirrt hat und zurückweichen. Benjamin Disraeli wird mit dem Spruch zitiert, „Eines der schwierigsten Dinge dieser Welt ist es, zuzugeben, dass man Unrecht hat.“ (One of the hardest things in this world is to admit you are wrong.) Wie wahr.

Es ist für Außenstehende schwer, zutreffend über Esperanto zu schreiben.

Zutreffend ist natürlich auch, dass es nicht leicht ist, etwas über Esperanto zu schreiben, das die Wirklichkeit berücksichtigt. Bei einer solchen Menge an unzutreffenden Aussagen hat man Mühe, zutreffende Texte zu finden. Man kommt wohl einfach nicht auf die Idee, dass das, was einem von ganz seriös wirkenden Sprachprofessorinnen und Sprachprofessoren erzählt wird, leider oft unzutreffend ist, ebenso das, was in angesehenen Zeitungen und Verlagen erscheint. Ein großes Problem ist, dass falsche Aussagen nur sehr selten korrigiert werden. Das Buch ist gedruckt - der Schaden ist passiert; kein Verlag möchte wegen ein paar Unwahrheiten über Esperanto die ganze Auflage einstampfen. Und selbst im Falle einer Neuauflage - dieses Buch ist ein Beispiel dafür - werden die Unwahrheiten nicht korrigiert. Auch Zeitungen zeigen nur sehr geringe Begeisterung, falsche Aussagen zu Esperanto zu korrigieren - wie steht man dann da?!

Im Ergebnis findet man an allen möglichen Stellen, viel auch im Internet, unzutreffende Aussagen über Esperanto. Die Wikipedia ist im wesentlichen eine rühmliche Ausnahme, weil sie das Prinzip hat, dass die Aussagen auch belegt werden müssen; daher können sich dort falsche und unbelegte Aussagen nicht lange halten (naja, bei Esperanto ist das so, weil die Esperanto-Sprecher und andere ihn beachten - nicht in der ganzen Wikipedia). Der englische Wikipedia-Artikel über Esperanto ist evtl. etwas besser als der deutsche (der über lange Jahre Ziel eines Esperanto-Gegners war).

Hat Dorren bei den Neuauflagen etwas geändert?

Gaston Dorren hat sich wegen seiner Behandlung des Esperanto schon sofort nach Erscheinen der englischen Ausgabe 2014 viel Kritik eingehandelt. Er schreibt darüber auf seiner Seite languagewriter.com. Ian Carter hat seine Kritik auf der Seite wecutthecrap.com (wir lassen den Unsinn) dargestellt, unter der Überschrift „If you’re going to slag off Esperanto, do your homework.“ (Wenn du über Esperanto lästern willst, mach deine Hausaufgaben. Wecutthecrap.com ist nicht mehr im Netz. Der Inhalt ist bei web.archive.com gespeichert.)

Jonathan Cooper hat Dorren einen Offenen Brief mit sieben Kritikpunkten geschrieben (wie oben schon erwähnt), auf DoktorDada.com; Gaston Dorren hat darauf geantwortet. Wer mag, kann diese Auseinandersetzung nachlesen.

Soweit ich sehe, hat Dorren an seinem Text nichts Wesentliches geändert – warum auch?! Die Leserinnen und Leser sind ja schon von anderen über Esperanto falsch vorinformiert, da kann man in demselben Stil prima weitermachen. Möglicherweise hat Dorren außerdem die ganze Wirklichkeit des Esperanto und seiner Sprachgemeinschaft auch nach der vielfältigen Kritik nicht wahrgenommen.

Lu Wunsch-Rolshoven
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(Auf der Homepage von Gaston Dorren habe ich den Brief unten am 1. April 2020 als Kommentar eingetragen; Freischaltung steht aus. - Dieser Brief ist frei zum Abdruck und für sonstige Verwendung unter Namensnennung, ohne Bearbeitung - aber natürlich gerne Kürzung, wenn diese kenntlich gemacht wird. Also nach Creative Commons CC BY-ND. Wer den Text nutzen, aber kürzen oder anders bearbeiten möchte, soll bitte auf das Original verweisen.)

Dear Mr Dorren,

I have read the chapter about Esperanto in your book "Lingo" (English and German editions) and some other chapters as well as your posts and comments here. Are you sure that you really understand why many Esperanto speakers are not amused about what you wrote? At least in my understanding, you don't interpret their anger very realistically.

1) Is Esperanto difficult or easy - if compared to other languages?

For me it's rather simple: You didn't tell the truth about how easy Esperanto is in fact. I am really sorry that it's like that. I suppose, lots of Esperanto speakers felt the lack of truth, even if they didn't say it that way.

In the English version you wrote: "It perhaps comes as a surprise to be told that Esperanto is difficult." No, Esperanto is not difficult - at least, if you compare it to other languages like English, which is the normal way of doing it. It just takes about a fourth of the time you need for the same level in English. (On the other hand, yes, Esperanto is more difficult than drinking e. g. a glass of water, I agree... But let's stay a bit serious.)

Some lines before, you wrote that Esperanto is "a language whose difficulties might make an English speaker wonder what on earth its inventor was thinking of when he devised it". Here again you speak about "difficulties" of Esperanto - but in fact most Esperanto learners are quite happy about the _lack of difficulties_ in Esperanto after they had to learn languages as difficult as e.g. English.

You are well aware that all this is not really true, see your remark on p. 309 of the German edition where you wrote about English that it is "eine Sprache, die zugegebenermaßen Esperanto in vielerlei Hinsicht dann doch wieder angenehm leicht erscheinen lässt."

2) What would happen, if Esperanto were even easier?

In the English edition the final paragraph is: "But ultimately, it may be just as well that he made Esperanto as difficult as he did. Had he made it easier, what might have happened? Esperanto might have become a world language after all, and we would all have had to learn it. Compulsory bilingualism? Maybe that’s best left to the continentals."

It would not have made any real difference, if Zamenhof had made Esperanto even easier. Esperanto can be learned in about a fourth or a fifth of the time needed for languages like English, French, Spanish or German. That has already been known for nearly a century, after e.g. the research of the psychologist Edward L. Thorndike and his associates Laura H. V. Kennon and Helen S. Eaton. A summary states in 1931 that
"an average college senior or graduate in twenty hours of study will be able to understand printed and spoken Esperanto better than he understands French or German or Italian or Spanish after one hundred hours of study. Forty hours of teaching and practice will equip a pupil in Grade 7 or 8 to understand and use Esperanto as well as two hundred hours of teaching and practice will equip him in French or German."
Julia S. Falk. Women, Language and Linguistics. 1999, p. 49-50

Following this study by Thorndike et al. Esperanto can be learned in about 20 % of the time needed for the other languages mentioned. Would 15 % have made any difference? Probably not. Instead of 200 hours for other languages you need 40 hours for Esperanto, 160 hours less than for French, for example. If it was 170 hours less - would that make an important difference? Certainly not. It was not this little difference - it was the interest of the English speaking countries and the interest of the linguists in many countries which prevented the world from appreciating Esperanto. It was the fact that lots of linguists and other so called language experts told a lot of lies and rumours about Esperanto, over many decades and still to this day.

The linguists in the United States were not amused seeing the results about the learning times for Esperanto - so they simply ignored them and didn't tell anyone about this fact. Julia S. Falk wrote:
"Further, few linguists would have welcomed results that challenged their own livelihood by claiming an advantage to an artificial language over the foreign languages they normally taught in the United States. (...)" (same book, p. 50)

It is known that linguists publish a lot of untrue information about Esperanto, see my article. For that reason it is very difficult to get a realistic understanding of Esperanto and of the growing Esperanto language community, I know.

3) Is the use of Esperanto decreasing or increasing?

I suppose you think that the number of Esperanto speakers is decreasing and Esperanto is used less than before. Well, did you know that China has been publishing daily news in Esperanto, since 2001, on esperanto.china.org.cn? Did you know that China gives money to publish the Unesco Courier in Esperanto? Did you know that there is a Chinese Esperanto Museum, in fact the biggest such museum in the world?

Did you know that Duolingo offers Esperanto courses in three languages, English, Spanish and Portuguese and that Esperanto courses in Chinese and French are being prepared?

Did you know that during the last twelve months there have been around 700,000 people studying Esperanto in these three languages English, Spanish and Portuguese? (Compare this with Catalan, learned by around 665 000 learners in one year; offered in Spanish.) How many languages are there that can be learned in three or five languages on Duolingo? (Around 9: English, ~22 languages, German 9, Spanish and French 8, Italian 5, Portuguese, Russian, Swedish and Esperanto, 3)

Are you really sure Esperanto is a no-hoper? Did you name the chapter that way because you thought that fewer and fewer people were learning Esperanto and that nevertheless those stupid Esperanto enthusiasts still hoped for success for Esperanto? (I suppose, most people do in fact think that the number of Esperanto speaking people is decreasing. So I often ask journalists and linguists why they said so. Up to now I haven't had any satisfying answer. After giving me some erroneous causes, some misunderstandings, they usually do not want to discuss it any longer...)

In fact, Esperanto is spreading more and more (as you may read in the beginning of my article mentioned above). Yes, I am hoping that Esperanto will continue to spread even more in the future, but mainly I just suppose that this very long trend which we can see for many decades will continue. Up to now I can't see why this trend should stop.

4) Economic and political reasons

You agreed with the message of kanguruo. You answered him: "And you are perfectly right that Esperanto has never caught on for reasons that are largely economic and political (rather than its grammar (...)"). I am sorry, I do _not_ agree.

First, Esperanto has been spreading throughout its history. See the data (e.g. in my article or on Statistiko de Esperantujo, Wikipedia). I cannot see a significant period of decrease - can you? (Just around 1910 - 1913.) Do you have data for such a phenomenon? Or do you just believe in what the rumours say about Esperanto? Any evidence?

Second, economic and political reasons seldom lead us all in the same direction. It is true that for the United States Esperanto is not the best solution. See David Rothkopf, 1997: "And it is in the economic and political interests of the United States to ensure that if the world is moving toward a common language, it be English". In Praise of Cultural Imperialism? Effects of Globalization on Culture

But, please, let's consider that there is more than one actor in the international sphere. It is in fact in the economic and political interests of China to promote Esperanto (and Chinese, at the same time; and many Chinese are learning English, sure). There are some reasons for this: Esperanto can be learned in about a fourth of the time needed for English; this means a lot of time and money, because if a Dutch person needs 1000 hours to reach a certain level in English, a Chinese person needs about 3000 hours. If a Dutch person learns Esperanto up to the same level, this will need only about 250 hours; if a Chinese person learns Esperanto up to that same level, this will need only about 750 hours. So for a Dutch person Esperanto means a saving of about 750 hours of study compared to English, for a Chinese person Esperanto means a saving of about 2250 hours of study. I suppose that's why China supports Esperanto, with at the moment around 40 full time employees working for their Esperanto internet sites.

It may be in the political interests of the US to have English as a common world language - but for China this is not very helpful, just because it is so helpful for the US. For China Chinese would be better (but that means a lot of learning time for other nations). And: Esperanto is much better for China than English is.

5) The world with English - an international society with four classes.
A political reason for Esperanto

I shall add some considerations about the effect of English as the main international language.

English means a world society of four classes. At first there are the native speakers of English - they do not have to learn English as a foreign language, zero hours of special learning time. Then there are people like the Dutch or Swedish - they need, let's say, about one thousand hours for a certain level in English; second class. Polish and Hungarian and Finnish people may need about two thousand hours for the same level, they form the third class. Then there are people like Chinese or Japanese or people from Arab countries; they need about three thousand or more hours for this same level. They thus form the fourth class.

Let's have a look at the economic consequences. As a rough estimate let's calculate 5 euros for the teaching cost of one language hour and (only) 10 euros for the time (because if someone does not use the time to learn, he or she can use it to earn money). So 15 euros for each hour. English people have to invest nothing, Dutch people 15 000 euros, Finnish people around 30 000 euros and Chinese people around 45 000 euros or more - all for a similar thing, the ability to participate in world communication. (Not totally similar, because the chances of being a text producer and influencer of the public is much higher, if English is your native language or an easy language as for Dutch people.)

You seem to be in favour of such a four class society. You wrote at the end of the chapter on Esperanto, as already quoted above, speaking to English natives: "Esperanto might have become a world language after all, and we would all have had to learn it. Compulsory bilingualism? Maybe that’s best left to the continentals."

It does not come as a surprise that people from English speaking countries do (more or less) all speak English. For Dutch and Swedish people it's about 90 %. For Polish or Hungarian people it's around 30 or 20 %.
See Eurobarometer languages, 2012, p. 21
For Chinese people it's probably well under 10 %.

I call this lack of justice. What do you call it?

The consequence is that texts in English are mainly written by English natives - the books, the English wikipedia, a lot of songs, many films... The greater the language distance from English, the smaller is the chance to participate in the English speaking world. So English is very good for knowing what English natives think and how they see the world. But it's not very good for understanding the world as a whole or for giving people from other countries an equal share. This is something some small countries understand - so they are supporting Esperanto, like Poland and Croatia who declared Esperanto to be an immaterial cultural heritage or a cultural good, like Hungary where Esperanto has equal rights with other languages in some respects, like China, promoting Esperanto in different ways.

If you object that there still is some inequality with Esperanto: Yes, there certainly is. But to a much lower degree. Instead of 1000 hours of English learning for Dutch people and something like 2000 hours for the Polish, and 3000 for the Chinese, we have 250 hours of Esperanto learning to the same level for the Dutch and English people, 500 for the Polish and 750 for the Chinese. Or, in terms of money, using the same calculation as above: The entrance fee for international communication is only about 4000 euros for the Dutch, 8000 for the Polish and 12000 for the Chinese. No, we don't arrive in a perfect world, but in a world which strives to give people from around the world the most similar conditions in the language area that we are able to imagine.

And, of course, it's much easier to express yourself in Esperanto than it is to express yourself in English, even if you are Polish or Chinese. That's why the Esperanto wikipedia is written by people from many dozens of mother tongues, Esperanto books as well and so are Esperanto songs and films.

Are you still sure your chapter about Esperanto is true and realistic and fair to the Esperanto speaking community?

Is it fair to your readers to misinform them in such a way?

Regards

Louis v. Wunsch-Rolshoven

 

Spricht jemand Esperanto?

31.01.2020

Der Kontakt mit Sprachfachleuten liefert immer wieder neue Erkenntnisse. Gerade wurde uns mitgeteilt, dass ein Deutsch-Dozent an der Technischen Universität Berlin vor kurzem allen Ernstes behauptet haben soll, niemand spreche Esperanto.

Verblüffend, wenn man die Wirklichkeit des Esperanto kennt - weniger verblüffend, wenn man weiß, was alles an Unwahrheiten über Esperanto von Professorinnen und Professoren der Sprachwissenschaft und anderer Fächern bisher schon so verbreitet worden ist... Vgl. die entsprechende Sammlung "Zum Bild des Esperanto aus der Sicht einiger Sprachwissenschaftler". Da wundert es dann nicht, wenn jemand die dort enthaltenen Aussagen übernimmt in dem Glauben, der oder die Autor/in werde schon wissen, was er oder sie da sagt. Ist aber oft nicht der Fall.

 

"Esperanto in der EU". Diskussionspapier des Vereins EsperantoLand

10.05.2019

Schon vor einiger Zeit hat der Verein EsperantoLand seine Auffassungen zu "Esperanto in der Europäischen Union" in einem Papier dargelegt ( Stand Mai 2015). Kernpunkt ist die Anregung an die EU-Kommission, dass "Esperanto als eine in der EU gesprochene Sprache" anerkannt und dokumentiert wird. Weiterhin sollten Esperanto-Unterricht und -Verwendung ähnlich gefördert werden wie bei anderen Sprachen der EU.

Das Papier regt ferner an,
- dass Esperanto als Wahlfach an Schulen und Unis angeboten werden soll (so wie heute schon z. B. in Ungarn),
- dass an Schulen eine oder zwei Unterrichtsstunden über Esperanto angeboten werden sollen (zumal der Wissensstand zu Esperanto gering ist und auch viele unzutreffende Gerüchte in Umlauf sind),
- dass die EU-Kommission dies koordiniert gemäß ihrer Aufgabe, in Bereichen wie Bildung, Jugend und Kultur eine Koordination der Politik der EU-Mitgliedsländer zu unterstützen.

In der Einleitung wird die heutige Situation der Esperanto-Sprachgemeinschaft in der EU dargestellt. So heißt es u. a.: "Zumindest hunderttausend EU-Bürger sprechen Esperanto ausreichend, um es nutzen zu können." Diese Zahl ergibt sich aus verschiedenen Schätzungen über die Zahl der Esperanto-Sprecher weltweit und dem Anteil der europäischen Mitglieder des Esperanto-Weltbundes im Vergleich zur Gesamtzahl der Mitglieder dieses Verbandes: Die Sprachen-Seiten ethnologue.com geben etwa 2 Millionen Esperanto-Sprecher weltweit an, unter Bezug auf einen Artikel von Amri Wandel (2015, How many people speak Esperanto?). Der Esperanto-Weltbund gibt für 2017 eine Gesamtzahl von 4365 sog. "individuellen" Mitgliedern an (d. h. Direktmitglieder, nicht über Landesverbände; Zeitschrift Esperanto, majo 2018, S. 119). Von diesen Mitgliedern leben 2262 in einem der 28 Länder der EU (z. B. Deutschland 440, Frankreich 418, Belgien 114, Polen 100, ...), also etwa die Hälfte der weltweiten Mitglieder des Esperanto-Weltbunds. Es ist anzunehmen, dass auch die Verteilung der Esperanto-Sprecher nicht sehr stark von dieser Verteilung der Mitglieder abweicht; daher kann davon ausgehen, dass von den genannten etwa zwei Millionen Esperanto-Sprechern weltweit etwa eine Million in der EU leben. Die Angabe in dem Diskussionspapier geht von einer Mindestzahl von hunderttausend aus, um Diskussionen um Zahlen zu vermeiden.

 

Esperanto als Hauptsprache von Einzelpersonen

04.05.2019

en Esperanto

auf englisch

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Verwendung des Esperanto mehr und mehr zugenommen. Dies zeigt sich auch daran, dass es mittlerweile zumindest etwa hundert Personen gibt, für die Esperanto zur Hauptsprache geworden ist, also zu der Sprache, die sie mehr nutzen als ihre anderen Sprachen.

So oft und so lange nutzen Esperanto unter anderem Angestellte von Esperanto-Organisationen, von denen viele auch zuhause mit ihrem Partner und ihren Kindern Esperanto sprechen. Andere nutzen Esperanto viel in ihrer freien Zeit, eventuell neben einer Teilzeittätigkeit oder im Rentenalter. Manche arbeiten auch als ehrenamtliche Mitarbeiter in einer Esperanto-Organisation oder in Internet-Projekten.

Bei einer Befragung auf Facebook (Gruppe "Esperanto") haben zwischen dem 17. Juli 2018 und dem 4. Mai 2019 insgesamt 88 Personen mitgeteilt, dass sie Esperanto in den vergangenen zwölf Monaten in mehr als 50 % ihrer Zeit genutzt haben; in den ersten drei Wochen, bis zum 11. August 2018, haben dies 57 Personen ausgewählt, bis Ende August 76 Personen.

Die Frage lautete (übersetzt aus dem Esperanto): In welchem Anteil der Zeit des Jahres nutzt du Esperanto? (Beispiel: Vielleicht arbeitest du in einer nationalen Sprache, nutzt zuhause Esperanto, machst vier Wochen in einem Esperanto-Umfeld Ferien. Also ergibt sich vielleicht während eines Arbeitstages 30 % Esperanto, am Wochenende 80 %; im Mittel während einer Woche vielleicht 5x30+2x80=310; 310/7 ~ 45 % Esperanto. Im Jahr 11x45+1x100 ~ 600; 600/12 ~ 50 %).
ZUSATZ. Zur Präzision und Erklärung:
In welchem Teil der vergangenen 12 Monate hast du in etwa Esperanto genutzt?

Nach Stand vom 4. Mai haben außer den 88 Personen, die angaben, Esperanto in mehr als 50 % ihrer Zeit zu nutzen, weitere 71 Personen mitgeteilt, dass sie Esperanto in 26 bis 50 % ihrer Zeit nutzen. In 11 bis 25 % der Zeit nutzen laut der Befragung 35 Personen Esperanto. Für 0 bis 10 % entschieden sich 224 Personen. Insgesamt haben also 418 Personen teilgenommen. Es sei darauf hingewiesen, dass die Befragung offen ist, nicht etwa anonym - jeder Facebook-Nutzer kann die Liste der Personen für die einzelnen Möglichkeiten einsehen.

Man kann vermuten, dass es außer den Personen, die an der Befragung teilgenommen haben, weitere Personen gibt, bei Facebook oder außerhalb, für die Esperanto mittlerweile zur Hauptsprache geworden ist. Natürlich mag es auch unzutreffende Angaben oder Fehlschätzungen geben - dies dürfte allerdings selten vorkommen. Insgesamt ist also anzunehmen, dass die Zahl der Personen mit Esperanto als Hauptsprache derzeit im Bereich zwischen hundert und mehreren hundert Personen anzusiedeln ist.

Als Beispiele von Personen mit Esperanto als Hauptsprache seien zwei Väter von esperantosprachigen Kindern (aus dem Bekanntenkreis des Autors) vorgestellt. Beide arbeiten seit vielen Jahren bei Esperanto-Projekten mit, die in starkem Maße an das Internet geknüpft sind; beide gehen keiner anderen Arbeit nach. Die Partnerin des einen (der andere hat derzeit keine Partnerin) sowie ein sehr großer Anteil der Freunde und Bekannten der beiden sprechen Esperanto; der Kontakt mit diesen wird persönlich sowie per Internet gepflegt. Beide nehmen mehrmals im Jahr an Esperanto-Veranstaltungen teil, die oft eine Woche dauern. An Kontakten zur nicht-esperantosprachigen Außenwelt bleibt zum einen ein Teil der Familie, zum anderen der Einkauf; hierzu wurde mitgeteilt, dass heutzutage das Einkaufen praktisch ohne Worte ablaufe (teils über automatische Kassen) und dass der Kontakt zur restlichen Familie nur alle paar Wochen stattfindet (bzw. im Falle des andern noch seltener, da er in einem anderem Land lebt). Die beiden Personen haben einen Esperanto-Anteil an ihrer sprachlichen Kommunikation von 85 bzw. 95 % angegeben.

Louis v. Wunsch-Rolshoven
EsperantoLand

 

Esperanto - eine weltweite "Verkehrs- und Bildungssprache"

12.03.2019

Esperanto hat 1000 MuttersprachlerInnen und etwa 2 Millionen Esperanto-SprecherInnen (Nutzer) insgesamt, so der Sprachinformationsdienst ethnologue.com. Esperanto wird als eine "Verkehrs- und Bildungssprache" angesehen (Stufe 3 der dreizehnstufigen EGIDS-Skala zur Bewertung von Sprachen; Stufe 1 ist eine Nationalsprache wie Deutsch, ab Stufe 6 werden Minderheitensprachen aufgeführt).

SIL International: Erforschung von Sprachen

Die Internetseiten ethnologue.com werden von SIL International herausgegeben (ursprünglich Summer Institute of Linguistics), einer christlich orientierten, wissenschaftlichen Organisation, die sich im Sprachenbereich laut Selbstdarstellung der Erforschung, Übersetzung, dem Training und der Entwicklung von Materialien widmet. Die Seiten und die seit 1951 herausgegebene Buchversion gelten als Standardwerk zur Beschreibung der Sprachen der Welt.

Die Skala EGIDS

Die Skala EGIDS (Erweiterte Abgestufte Intergenerationelle Veränderungsskala; Expanded Graded Intergenerational Disruption Scale) gibt eine Einschätzung der Vitalität bzw. Gefährdung von Sprachen. Die Stufe 3 für Esperanto zeigt an, dass Esperanto u. a. in Massenmedien verwendet wird und im Kontakt zwischen verschiedenen Regionen.

Eine deutschsprachige Beschreibung von EGIDS mit Quellen findet sich in der Wikipedia.

Beschreibung des Esperanto 2005 bis 2016

Im Zeitraum von 2005 bis 2016 war die Beschreibung des Esperanto bei ethnologue einigen Veränderungen unterworfen. Von zumindest August 2005 bis Dezember 2008 wurde die "Bevölkerung" (offensichtlich: die Zahl der Muttersprachler) mit 200 bis 2000 angegeben; weiterhin wurden 2 Millionen Zweitsprecher erwähnt. Zumindest ab August 2009 bis Dezember 2012 war bei Bevölkerung zu lesen, es sei keine Schätzung verfügbar; eine Bibliographie zu Esperanto als Muttersprache ist auf den Seiten zu Esperanto-Muttersprachlern in der Esperanto-Wikipedia zu finden, mit etwa einem Dutzend Artikeln bis 2006, allerdings wohl lediglich zwei davon auf Englisch in bekannteren Zeitschriften.

Nach Einführung der Skala EGIDS war Esperanto zunächst auf Stufe 6a eingeordnet (lebhaft/gebräuchlich; 3/2013 bis etwa 2/2015); es folgte Stufe 5 (sich entwickelnd/beständige Schriftsprache, zumindest 5/2015 bis 1/2016). Danach erfolgte eine Einordnung auf Stufe 9 (nur Zweitsprache, 3/2016 bis etwa 12/2016) und seit etwa März 2017 die derzeitige Stufe 3.

Esperanto als Muttersprache und lebende Sprache

Die häufigen Veränderungen sind bemerkenswert; sie spiegeln vermutlich das weite Spektrum der Beurteilung der Sprache Esperanto innerhalb der Sprachwissenschaft wider. Für die Einordnung des Esperanto ist es sehr wesentlich, dass die etwa tausend Esperanto-Muttersprachler erwähnt werden - schließlich gilt etwas als "lebende Sprache", wenn eine muttersprachliche Gemeinschaft besteht.

Das Bild des Esperanto in der Öffentlichkeit

Es ist anzunehmen, dass die Informationen, die auf den Seiten von ethnologue.com in früheren Jahren zu finden waren, gelegentlich das Bild des Esperanto in der Öffentlichkeit oder bei Fachleuten beeinträchtigt haben. Den Herausgebern der Seiten ethnologue.com gebührt großer Dank, dass sie nun die tatsächliche Situation des Esperanto und seiner Sprachgemeinschaft darstellen.

Zur Vertiefung

Die Skala EGIDS ist eine Weiterentwicklung der 1991 von J. A. Fishman vorgestellten Skala GIDS (Fishman, J. A., 1991, Reversing language shift, Clevedon, UK, Multilingual Matters Ltd.). EGIDS wurde 2010 in einem Artikel von M. Paul Lewis und Gary F. Simons erläutert ( Assessing endangerment: Expanding Fishman's GIDS. Revue Roumaine de Linguistique 55(2). April 2010. Hinweis: Der Verweis führt zu einer Vorversion von Sept. 2009). M. Paul Lewis ist der Herausgeber von Ethnologue: Languages of the World; Gary F. Simons ist u. a. geschäftsführender Direktor von Ethnologue.

Die Einordnung des Esperanto in Stufe 3 nach der Skala EGIDS ergibt sich aus dem Entscheidungsbaum auf S. 30 des Artikels; Esperanto ist eine nicht offizielle Verkehrssprache (vehicular).

Louis F. v. Wunsch-Rolshoven

Großen Dank für mehrere Anregungen zu diesem Text an Claudia Hamelbeck und Bernhard Pabst.

[ethnologue.com]

 

Esperanto in Kroatien als immaterielles Kulturgut anerkannt

26.02.2019

Die Republik Kroatien hat die Esperanto-Tradition in Kroatien als immaterielles Kulturgut anerkannt. Damit werden Esperanto und die Esperanto-Kultur auch vom Staat geschützt und gefördert, etwa in Bibliotheken und Archiven. Die Entscheidung des kroatischen Kulturministeriums vom 11. Februar wurde erst vor kurzem bekannt.

In der Entscheidung werden verschiedene Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung des Kulturguts aufgeführt, u. a. die Sicherung der öffentlichen Verfügbarkeit. Auch Schulung sowie wissenschaftliche Behandlung werden erwähnt.

Aktualisierung 14. März 2019

Ein Bericht über die Anerkennung von Esperanto in Kroatien ist im Eŭropa Bulteno 2/2019 erschienen (S. 1-2); dort ist auch eine Esperanto-Übersetzung der Entscheidung zu finden (S. 3-6); Texte in Esperanto übersetzt Google Translate.

 

Sprachwissenschaften und Esperanto. Ein Skript im Internet

18.02.2019

In den vergangenen Jahren ist zunehmend deutlich geworden, dass über Esperanto und die Esperanto-Sprachgemeinschaft an vielen Stellen Informationen verbreitet werden, die unvollständig sind, irreführend oder einfach unzutreffend. Bedauerlich ist, dass auch in den Sprachwissenschaften unzutreffende Annahmen über Esperanto verbreitet sind und auch gegenüber der Öffentlichkeit geäußert werden.

So wurde z. B. schon 1904 das erste Mädchen geboren, das mit Esperanto als Muttersprache aufgewachsen ist; heute gibt es etwa tausend Esperanto-Muttersprachler. Damit erfüllt Esperanto alle Kriterien, die von verschiedenen Seiten an eine Bezeichnung als "lebende Sprache" geknüpft werden - neben der Existenz von Muttersprachlern gibt es ja auch eine intensive Nutzung der Sprache in sehr vielen Bereichen; vgl. auch den Beschluss der Ungarischen Akademie der Wissenschaften von 2004, dass Esperanto zur Kategorie der lebenden Sprachen gehört.

Die Tatsache, dass es mit etwa tausend Personen durchaus eine stabile muttersprachliche Gemeinschaft gibt, scheint in den Sprachwissenschaften wenig bekannt zu sein; eine kleine Umfrage unter vier AssistentInnen ergab 2015, dass alle vier nichts von Esperanto-Muttersprachlern wussten. Ebenso gibt es SprachwissenschaftlerInnen, die unzutreffenderweise behauptet haben, es gebe keine Esperanto-Literatur, keine Autoren, keine Wortspiele und Esperanto sei überhaupt keine richtige Sprache - das alles ist falsch.

 

Überblick


Unzutreffende Aussagen zu Esperanto
Wieviel Esperanto stammt von Zamenhof?
Eine "künstliche" Sprache?
Klassifikation nach Ursprung oder Funktion?
Sprache keiner Gesellschaft?
Merkmale der Esperanto-Sprechergemeinschaft (Artikel)
Wie "künstlich" sind geplante Sprachen?
Ist wichtig, wie "gut" Interlingua ist?
Warum eigentlich Esperanto?
Zusammenfassung: Was erwähnt das Skript nicht?
Grundkenntnisse zur Esperanto-Sprachgemeinschaft im Grundstudium der Linguistik


 

Unzutreffende Aussagen zu Esperanto

Eine Reihe von unzutreffenden Aussagen über Esperanto, insbesondere von SprachwissenschaftlerInnen, wurden von mir im Jahrbuch 2018 der Gesellschaft für Interlinguistik veröffentlicht: "Zum Bild des Esperanto aus der Sicht einiger Sprachwissenschaftler. Über verschiedene unzutreffende Aussagen zu Esperanto und seiner Sprachgemeinschaft". Dort ist einleitend als Kontrast die Wirklichkeit des Esperanto dargestellt - die zunehmende Verbreitung und Verwendung des Esperanto. Es werden außerdem auch eine Reihe von zutreffenden Darstellungen zu Esperanto durch SprachwissenschaftlerInnen erwähnt - das gibt es natürlich, auch von bekannteren Autoren wie Umberto Eco oder Harald Haarmann.

Weitere Recherchen im Internet fördern immer wieder neue Darstellungen des Esperanto zutage, die die Wirklichkeit der Esperanto-Sprachgemeinschaft kaum wiedergeben. So schreibt Prof. em. Dr. Christian Lehmann in einem Internet-Skript zu Grundbegriffen der Linguistik über Sprache: "Im Prinzip sind auch Welthilfssprachen bzw. Plansprachen wie Esperanto künstliche Sprachen, da auch sie von einzelnen Menschen entworfen wurden. Sobald es allerdings Kinder gibt, die sie als erste Sprache erwerben, und Sprachgemeinschaften, denen sie als erstes Mittel zur Kommunikation und Kognition dienen, sind sie von natürlichen Sprachen nicht mehr unterscheidbar." Man erwartet eigentlich, dass er nun darstellt, dass es sehr wohl Kinder gibt, die Esperanto als erste Sprache erwerben, und dass Esperanto durchaus für manche Menschen die Hauptsprache geworden ist, also die am meisten genutzte Sprache (wohl etwa hundert Personen) - aber Christian Lehmann führt das Thema Esperanto an dieser Stelle nicht fort.

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Wieviel Esperanto stammt von Zamenhof?

Es ist sicher richtig, dass die Grundzüge des Esperanto von einem einzelnen Menschen entworfen wurden, aber bereits nach zwei Jahren (1889) gab es eine internationale Gemeinschaft um die Zeitschrift La Esperantisto mit etwa 500 Abonnenten. Von Prosa und Poesie über populär-wissenschaftliche Artikel bis zu Annoncen wurde ein breites Feld von Textsorten abgedeckt. Das erste Esperanto-Lehrbuch von 1887 enthielt die Grundregeln der Grammatik auf etwa fünf Seiten, ein großes Blatt mit etwa 920 Wortstämmen sowie etwa zwei Seiten Text in Esperanto, darunter bemerkenswerterweise drei Gedichte; Zamenhof wollte ganz offensichtlich eine Kultursprache schaffen, ausdrücklich "por ĉiuj civilizitaj popoloj", und eine Kultursprache ist ja auch erfreulicherweise entstanden.

Mittlerweile sind Grammatiken des Esperanto mehrere hundert Seiten dick. Die Zahl der Wortstämme war schon 1970 auf über 15.000 angestiegen; das aktuelle Esperanto-Deutsch Wörterbuch (Erich-Dieter Krause) von 2018 verzeichnet 150.000 Wörter. Es sind bisher etwa 10.000 Esperanto-Bücher erschienen (ergänzend gibt es natürlich viel sonstigen Text; alleine die Esperanto-Wikipedia umfasst jetzt eine Viertelmillion Artikel - diese Textmenge entspricht vielen hundert Büchern).

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Eine "künstliche" Sprache?

Es ist daher wohl nicht überraschend, dass der Linguist Harald Haarmann schon 2001 formulierte: "Obwohl Esperanto als Plansprache konzipiert wurde, ist es inzwischen eine lebende Sprache und seine Definition als «künstliche» Sprache mutet heutzutage eher künstlich an. Es ist nicht abwegig, Esperanto als natürliche Sprache zu kategorisieren." Jouko Lindstedt listet 2006 drei Eigenschaften natürlicher Sprachen auf, die auch bei Esperanto zu finden sind: Die Norm des Esperanto ist teilweise nicht kodifiziert (daher: volle Erlernbarkeit nur durch die Praxis; Lernmaterial alleine genügt nicht), grammatischer und lexikalischer Wandel, Muttersprachler (Abschnitt "Properties of natural language in Esperanto" in "Native Esperanto as a Test Case for Natural Language").

In der Tat ist das heutige Esperanto von ethnischen Sprachen wie Deutsch oder Italienisch beim täglichen Sprachgebrauch kaum noch zu unterscheiden. Es stellt sich die Frage, welche Unterschiede bleiben. So ist festzustellen, dass eine Grundmenge von grammatischen Regeln entsprechend der Übereinkunft über die Grundlagen der Sprache von 1905, dem sog. Fundamento, unveränderbar sein soll; zum anderen nimmt Esperanto weit weniger neue Wortstämme auf als etwa das Deutsche; es bildet neue Begriffe sehr oft aus schon Vorhandenem: Statt der neuen Wörter Handy und Smartphone wurden die Begriffe im Esperanto aus bekannten Wortwurzeln gebildet; ein Handy ist ein poŝtelefono ("Taschentelefon"), ein Smartphone zumeist ein saĝtelefono ("kluges Telefon"); so bleibt die raschere Erlernbarkeit des Esperanto weitgehend erhalten. Ergänzend ist Esperanto natürlich eine Diaspora-Sprache und eine internationale Sprache, was gewisse Unterschiede zu den meisten ethnischen Sprachen bedingt.

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Klassifikation nach Ursprung oder Funktion?

Weiter unten auf derselben Internet-Seite stellt Christian Lehmann in einem Baumdiagramm eine systematische Aufschlüsselung der Kognitions- und Kommunikationsmittel dar, also menschliche und tierische Sprachen oder Kommunikationssysteme. Menschliche Sprache wird in "natürliche" und "künstliche" Sprache aufgeteilt, sodass eine Sprache wie Esperanto in der Nähe von logischen und Programmiersprachen eingeordnet ist, fernab von Lautsprachen wie Deutsch oder Vietnamesisch. Es ist sehr freundlich, dass Christian Lehmann auf einen Hinweis hin einen Nachsatz angefügt hat: "Selbstverständlich sind andere Klassifikationskriterien denkbar. Man könnte die menschlichen Sprachen, statt nach dem Kriterium ihres Zustandekommens nach dem Kriterium ihrer Funktion einteilen, z.B. in ‘zwischenmenschliche vs. formale Sprachen’. Dann wäre der Zweig der Welthilfssprachen unterhalb der Ebene der Lautsprachen anzusiedeln."

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Sprache keiner Gesellschaft?

Auf einer anderen Seite seines Internet-Skripts behandelt Christian Lehmann die "Soziologie einer Sprache als ganzer". Hier ist einleitend unter der Überschrift "Natur der Sprache" zu lesen, dass eine "natürliche" Sprache Kommunikationsmittel mindestens einer Gesellschaft ist - im typischen Falle eine traditionelle Sprache. Lehmann erwähnt, dass unter den Begriff marginal auch Pidginsprachen und aussterbende Sprachen fallen. Er führt fort: "Eine Plansprache oder Welthilfssprache dagegen ist Sprache keiner Gesellschaft." In der Folge wird auf das 1887 von Ludwik Zamenhof veröffentlichte Esperanto sowie auf Volapük und Interlingua hingewiesen.

Es wirkt etwas überraschend, dass die Frage der historischen Entstehung einer Sprache damit verknüpft sein soll, ob diese Sprache später das Kommunikationsmittel einer Gesellschaft ist. In der Tat verweist der Soziologe Nikola Rašić in seinem Buch "La Rondo Familia" (1994), in dem er ein knappes Dutzend soziologischer Untersuchungen der Esperanto-Sprachgemeinschaft vorstellt, auf einen Prozess der gesellschaftlichen Transformation von einer Reformbewegung zu einer alternativen Kultur, zu einer Mikrogesellschaft, die parallel zu einer Makrogesellschaft existiert, diese ergänzt und sich im wesentlichen selbst genügt. Auch Sabine Fiedler, seit so manchem Jahrzehnt anerkannte Interlinguistin und Esperantologin, schreibt in ihrem Beitrag "Kultur und Plansprache: Betrachtungen zum Esperanto" für den Sammelband "Kaleidoskop der Kulturen" (2010) über die "Mikrogesellschaft der Esperanto-Sprachgemeinschaft" (S. 183).

Hinweise auf die Bildung einer Mikrogesellschaft kann auch die Tatsache geben, dass bei aktiven Esperanto-Sprechern in vielen Fällen Partner und Kinder auch Esperanto sprechen: Nach der eigenen Untersuchung von Rašić (unter Teilnehmern von drei Esperanto-Kongressen, um 1985) haben zwei Drittel der Befragten, die in einer Partnerschaft leben, einen esperantosprachigen Partner. Bei den Antwortenden mit Kindern sprechen 45 % der Kinder ebenfalls Esperanto (a.a.O., S. 153). Die Herkunft der Lehmannschen Annahme, eine Plansprache sei Sprache keiner Gesellschaft, ist unklar.

 
Über die Merkmale der Esperanto-Sprechergemeinschaft informiert eine Reihe von Artikeln, etwa:

Richard E. Wood (1979). A Voluntary Non-ethnic, Non-territorial Speech Community . In: William F. Mackey and Jacob Ornstein (eds.), Sociolinguistic Studies in Language Contact. The Hague: Mouton, 433-450.

Sabine Fiedler (2006). Standardization and self-regulation
in an international speech community: the case of Esperanto. Int’l. J. Soc. Lang. 177 (2006), 67–90 Zusammenfassung

Kimura Goro Christoph (2012). Esperanto and minority languages: A sociolinguistic comparison. In: LPLP 36(2), 167-181. Zusammenfassung

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Wie "künstlich" sind geplante Sprachen?

Unter der Überschrift "Anwendungen der Linguistik" stellt Christian Lehmann die Interlinguistik vor, die Lehre von den Plansprachen. Er benutzt auch hier den Begriff "künstliche Sprachen", der seit den 1930-er Jahren in der Interlinguistik weniger und weniger üblich ist (der Begriff „Plansprachen“ wurde vom Begründer der Terminologiewissenschaft und Esperanto-Lexikographen Eugen Wüster geprägt). In der Interlinguistik herrscht eher das Verständnis, dass vielleicht das Zusammenfügen der Elemente aus ethnischen Sprachen bis 1887 ein künstlicher Vorgang war, dass aber die Entwicklung und Verwendung des Esperanto seither sehr ähnlich sind wie bei allen anderen menschlichen Sprachen.

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Ist wichtig, wie "gut" Interlingua ist?

Neben Volapük und Esperanto wird auch das 1951 veröffentlichte Interlingua erwähnt, das von Sprachwissenschaftlern entwickelt wurde. Dies sei "die unter linguistischem Gesichtspunkt beste bisher vorgeschlagene Plansprache". Welche linguistischen Kriterien hierbei Verwendung fanden, wird nicht erläutert; ebenso wenig findet sich eine Darlegung, warum Interlingua dem Esperanto überlegen sein soll.

In der Praxis ist Interlingua jedenfalls wenig zu finden. Die ungarische Volkszählung 2001 hat 4570 Esperanto-Sprecher ermittelt sowie 2 Sprecher des Interlingua. ( 2011 wurden übrigens 8.397 Esperanto-Sprecher gezählt, ein Zuwachs von 84 % in zehn Jahren.) Vielleicht ist auch die Frage zu stellen, ob sich aus dem Sprachprojekt Interlingua durch ausreichend viel Sprachgebrauch in verschiedenen Gebieten bis heute eine wirkliche Sprache entwickelt hat.

Die Frage, ob Interlingua unter irgendwelchen Kriterien ein wenig besser ist als Esperanto, kann man diskutieren - allerdings sollte berücksichtigt werden, dass die Menschen in der Regel eine neue Lösung für eine Aufgabe erst dann annehmen, wenn die Lösung erheblich vorteilhafter ist als die bisherige. Ich meine mich zu erinnern, dass der Management-Denker Peter F. Drucker aufgrund historischer Studien über die Wirtschaftsentwicklung etwa 30 % als untere Grenze für die notwendige Rationalisierung durch eine solche neue Lösung angegeben hat - erst dann hat das Neue eine Chance; bei einem geringeren zu erwartenden Vorteil schätzen die Menschen den Aufwand für den Wandel als zu hoch ein und ebenso das Risiko nicht erfüllter Erwartungen. Diese Überlegung erlaubt es zu erklären, warum Volapük eine Sprachgemeinschaft bilden konnte, warum Esperanto das Volapük ablöste und warum seither keine andere Neu-Entwicklung einer geplanten Sprache dem Esperanto die hier führende Rolle streitig machen konnte: Volapük bot die notwendige schnellere Erlernbarkeit gegenüber den nationalen Sprachen, Esperanto war gegenüber Volapük erheblich einfacher und schneller zu erlernen - und seither hat es anscheinend keine weitere Entwicklung geschafft, einen signifikanten Fortschritt gegenüber Esperanto zu erreichen. Esperanto scheint ausreichend gut zu sein, um insofern keine Konkurrenz zu haben.

(Eine andere Frage ist, warum die Verbreitung des Esperanto nicht schneller geschieht. Festzustellen ist zunächst, dass Esperanto im 20. Jahrhundert von etwa 1000 Personen auf eine Größenordnung von etwa 100.000 aktiven Sprechern angewachsen ist. Ob das schnell oder langsam ist, ist schwer zu entscheiden - zumindest war der prozentuale Zuwachs größer als bei praktisch allen anderen Sprachen. Ansonsten ist zu berücksichtigen, dass das Neue so manchen Feind hat, s. Gunter Dueck (2013). Das Neue und seine Feinde: Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen. ( Buch-Einleitung.) Weiterhin verbreiten sich Innovationen nach dem Modell der "Diffusionstheorie" - dies bedeutet u. a., dass die Anzahl der möglichen Anwender zunächst bei nur 2 % der späteren Anwender liegt, während 98 % praktisch unerreichbar sind, solange die tatsächlich schon stattfindende Anwendung noch weitgehend unbekannt ist; vgl. Wunsch-Rolshoven. Verbreitung von Ideen... 2012 sowie eine engl. Darstellung der sog. "Adopter categories".)

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Warum eigentlich Esperanto?

Im letzten Absatz zur Interlinguistik ist bei Lehmann zu lesen: "Eine Plansprache auszuarbeiten ist zweifellos eine Tätigkeit der Angewandten Linguistik. Allerdings gibt es schon Hunderte davon (...)"; Lehmann verweist noch darauf, dass die mit Abstand verbreitetste internationale Verkehrssprache Englisch ist.

Anzumerken ist, dass in der Praxis die Ausarbeitung weiterer Plansprachen oder Plansprachprojekte im Bereich der Interlinguistik keine große Rolle spielt. Vielleicht ist es auch nicht sinnvoll, die Hunderte von Plansprachprojekten allesamt als "Sprachen" zu bezeichnen; schließlich braucht ein Sprachentwurf, um den bestehenden Sprachen bezüglich der Funktion annähernd ebenbürtig zu sein, weit mehr als nur ein erstes Lehrbuch oder gar nur einige Notizen - nötig sind eine Fülle von Anwendungsbereichen und tatsächliche Verwendung, am besten täglich; dies fand oder findet sich wohl nur bei einer Handvoll von tatsächlichen Plansprachen (und eingeschränkt bei sog. "Semiplansprachen").

Dass Englisch weiter verbreitet ist als Esperanto, das ist auch in der Esperanto-Sprachgemeinschaft bekannt; Englisch-Kenntnisse sind bei Esperanto-Sprechern häufiger anzutreffen als in der allgemeinen Bevölkerung. Was bringt Esperanto-Sprecher also dazu, außer Englisch und anderen Sprachen auch Esperanto zu lernen und zu sprechen?

Bekanntlich kann man Esperanto weit schneller lernen als andere Sprachen; viele Esperanto-Sprecher berichten davon, dass sie schon nach etwa zwanzig Esperanto-Lernstunden angefangen haben, Esperanto in der Praxis zu nutzen (und zwar passiv und aktiv). In meinem Beitrag zum Bild des Esperanto unter Sprachwissenschaftlern wurden einige Studien zur rascheren Erlernbarkeit des Esperanto zitiert; in der Regel kann angenommen werden, dass die ersten hundert Stunden Esperanto so viel Kompetenz erbringen wie etwa der vierfache Aufwand in den meisten Sprachen wie Englisch oder Französisch. Auch später ist Esperanto weit schneller zu erlernen, und insbesondere ist die Grammatik mit begrenztem Aufwand beherrschbar. In der Studie von Nikola Rašić geben 18 % der Befragten an, dass sie sich in Esperanto so sicher fühlen wie in ihrer Muttersprache, 12 % teilen mit, dass sie sich etwas weniger natürlich ausdrücken können als in ihrer Muttersprache, 44 % fühlen sich sicherer als in ihren anderen Fremdsprachen (a. a. O., S. 162); insgesamt ergeben sich also 74 % der Befragten, die sich in Esperanto sicherer oder erheblich sicherer als in anderen Fremdsprachen fühlen, bis hin zu einem muttersprachlichen Niveau. Dies wird von vielen Esperanto-Sprechern als ein großer Vorzug der Sprache geschildert - man hat eine deutlich bessere Chance, sehr gut zu werden, als in anderen Fremdsprachen. Vielleicht ist es daher nicht sehr erstaunlich, dass 39 % der Befragten angeben, dass sie in Esperanto Artikel für Zeitschriften schreiben, 26 % übersetzen auch.

Ein weiterer Punkt, der Menschen zu Esperanto bringt, ist die internationale Sprachgemeinschaft sowie seine relative Neutralität - Esperanto lernen bedeutet, dass alle Seiten einen Schritt aufeinander zu machen.

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Zusammenfassung: Was erwähnt das Skript nicht?

Man kann sich die Frage stellen, was ein Student oder eine Studentin über Esperanto aus diesem Internet-Skript lernt - insbesondere in Bezug auf die in dem erwähnten Beitrag "Zum Bild des Esperanto aus der Sicht einiger Sprachwissenschaftler" zusammengetragenen unzutreffenden Aussagen über Esperanto.

Leider fehlt im Skript die Erwähnung der Esperanto-Praxis vollständig - es wird sogar behauptet, Esperanto sei Sprache keiner Gesellschaft. Man lernt nicht, dass es etwa tausend Esperanto-Muttersprachler gibt; damit wird nicht klar, dass Esperanto zu einer lebenden Sprache geworden ist; dies wird auch nicht in anderer Weise mitgeteilt.

Man lernt auch nicht, dass es etwa hundert Personen mit Esperanto als Hauptsprache gibt, dass die Zahl der aktiven Sprecher auf ein paar hunderttausend Menschen geschätzt wird und die Zahl der bisherigen Esperanto-Lerner auf ein paar Millionen; bei Duolingo fangen derzeit jährlich etwa 800.000 Lerner mit Esperanto an. Es gibt auch keine Erwähnung der Esperanto-Literatur, der Esperanto-Lieder oder der Wortspiele. Auch der Sprachwandel in Esperanto findet keine Beachtung.

Man kann sicher argumentieren, das meiste hiervon zu vermitteln sei nicht Aufgabe einer Einführung in die Sprachwissenschaft. Aber ist es wirklich sinnvoll, jungen SprachwissenschaftlerInnen all das vorzuenthalten? Ist es nicht eine sprachwissenschaftlich bemerkenswerte Erkenntnis des vergangenen Jahrhunderts, dass es möglich war, eine geplante Sprache nicht nur zu entwerfen, sondern sie auch zum Leben zu erwecken, mit einer Sprachgemeinschaft in über hundert Ländern weltweit und sogar einer muttersprachlichen Gemeinschaft?

Wann später in ihrer sprachwissenschaftlichen Ausbildung werden die jungen StudentInnen mehr über Esperanto erfahren? Wenn dies zu keinem Zeitpunkt mehr erfolgt, dann weiß die nachwachsende Generation genausowenig über Esperanto wie die vorherige und es ist abzusehen, dass sie gegenüber jüngeren Kollegen, Journalisten, in Artikeln und Büchern möglicherweise dieselben unzutreffenden Aussagen zu Esperanto machen werden, die die älteren LinguistInnen seit Jahrzehnten gemacht haben. Ist das wirklich gut, für alle Beteiligten? Dient das dem Ansehen der Wissenschaft?

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Grundkenntnisse zur Esperanto-Sprachgemeinschaft im Grundstudium der Linguistik

Meine Anregung geht dahin, dass jede/r StudentIn der Linguistik im Grundstudium die wichtigsten Informationen nicht nur zu Esperanto, sondern auch zur Esperanto-Sprachgemeinschaft einschließlich der muttersprachlichen Gemeinschaft erfahren sollte. Erst dann ist die nachwachsende Generation auch ausreichend gewappnet für die Fragen zu Esperanto, die JournalistInnen erfahrungsgemäß VertreterInnen der Sprachwissenschaft immer mal wieder zu stellen pflegen; mit der zunehmenden Verbreitung des Esperanto und der dank des Internet zunehmenden Sichtbarkeit dürfte diese Tendenz zunehmen.

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Louis F. v. Wunsch-Rolshoven

(Vielen Dank für sehr hilfreiche Hinweise an Sabine Fiedler und Bernhard Pabst.)

 

Anthropologische Untersuchung über die Esperanto-Sprachgemeinschaft in Berlin

21.06.2018

Vier Anthropologie-Studenten der Freien Universität Berlin (FU) haben im Rahmen einer einführenden Lehrveranstaltung die Esperanto-Sprachgemeinschaft in Berlin untersucht. Jetzt ist ihr Bericht "Esperanto in Berlin" im Internet verfügbar.

Zu den untersuchten Fragen gehörte unter anderem, ob die Esperanto-Sprecher in Berlin eine "Sprachgruppe" im Sinne der Anthropologie bilden. Zum Kern der Untersuchung entwickelte sich die Frage, ob in Berlin durch die Vernetzung der Esperanto-Sprecher ein Zugehörigkeitsgefühl innerhalb der Sprachgruppe entsteht.

 

Esperanto als lebende Sprache

08.05.2017

Immer wieder taucht die Frage auf, ob die internationale Sprache Esperanto eine lebende Sprache ist. Die Ungarische Akademie der Wissenschaften hat das schon 2004 in einem Gutachten bestätigt.

Gutachten der Ungarischen Wissenschaftlichen Akademie 2004

Das Gutachten findet sich (auf Ungarisch) auf den Seiten eszperanto.hu. Eine Esperanto-Übersetzung kann man auf einer anderen Seite lesen ("Hungara Scienca Akademio"). Laut diesem Text hat das Sprachwissenschaftliche Institut der Ungarischen Wissenschaftlichen Akademie am 29. Januar 2004 in einer Antwort auf eine ministerielle Anfrage erklärt, dass es die "einhellige Auffassung von führenden Fachleuten des Sprachwissenschaftlichen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften" ist, "dass Esperanto zur Kategorie der lebenden Sprachen gehört. Bei einer eingehenderen, die Geschichte sowie den derzeitigen Stand der Sprache Esperanto berücksichtigenden Betrachtung ergibt sich, dass Esperanto a) weitgehend normiert ist, b) weitgehend in die Gesellschaft eingebettet, c) eine nicht-ethnische lebende Sprache ist, die innerhalb einer zweitsprachlichen Gemeinschaft alle denkbaren sprachlichen Funktionen erfüllt und gleichzeitig als Brückensprache funktioniert.

Das oben Gesagte gibt den wissenschaftlichen Standpunkt unseres Institutes wieder."

Esperanto-Prüfungen: Punkte für die Studienzulassung

Das Gutachten war eine der Grundlagen dafür, dass staatlich anerkannte Esperanto-Prüfungen weiterhin als Nachweis von Fremdsprachkenntnissen genutzt werden können. In Ungarn müssen Studenten ausreichende Fähigkeiten in einer oder zwei lebenden Fremdsprachen nachweisen - Esperanto ist hier zugelassen. 2016 wurde gemeldet, dass es für bestandene Esperanto-Sprachprüfungen Punkte bei der Aufnahme zum Studium gibt.

Über 35.000 Esperanto-Sprachprüfungen

Seit dem Jahr 2000 wurden in Ungarn über 35.000 staatlich anerkannte Esperanto-Sprachprüfungen abgelegt. Auf den Seiten der Aufsichtsbehörde nyak.hu sind die Zahlen der angemeldeten Prüflinge der letzten zehn Jahre veröffentlicht (auch nicht bestandene Prüfungen); Esperanto liegt mit 44.866 Kandidaten an dritter Stelle nach Englisch und Deutsch. Auf der Wikipedia-Seite "Statistiko de Esperantujo" finden sich die Zahlen für die bestandenen Prüfungen seit 2000.

Von einem Sprachprojekt zu einer lebenden Sprache

Die Tatsache, dass Esperanto im Laufe der Jahrzehnte zu einer lebenden Sprache geworden ist, wurde in wissenschaftlichen Veröffentlichungen bereits früher dargelegt. So veröffentlichte Alicja Sakaguchi 1992 einen Aufsatz " Der Weg von einem Sprachprojekt zu einer lebenden Welthilfssprache. Einige Aspekte des Statuswandels, dargestellt am Beispiel des Esperanto", erschienen in: Ulrich Ammon und Marlis Hellinger (Hrsg.). Status Change of Languages. De Gruyter, Berlin 1992. (Der Ausdruck "Welthilfssprache" ist mittlerweile nur noch selten zu finden, üblicher ist "geplante Sprache" oder "Plansprache".)

Etwa tausend Esperanto-Muttersprachler

Übliches Kriterium für die Frage, ob eine Sprache lebt, ist die Existenz von Muttersprachlern. Heute gibt es etwa tausend Esperanto-Muttersprachler, einige sogar schon in der zweiten oder dritten Generation, wie etwa bei dem Sprachwissenschaftler Harald Haarmann nachzulesen ist.

 

Ludwik Zamenhof, Schöpfer des Esperanto (Artikel)

12.03.2017

en Esperanto

Hundertster Todestag von Ludwik Zamenhof (14. April 2017)


(Autor: Louis v. Wunsch-Rolshoven)

Wenige Dinge sind mit dem menschlichen Leben so eng verbunden wie die Sprache, die wir sprechen. Sie begleitet uns von früh bis spät und sie ist die unerlässliche Basis für das menschliche Zusammenleben. Eine besondere Stellung unter den Erfindern nimmt daher Ludwik Zamenhof ein, der 1887 als 27-jähriger die Grundlagen seiner internationalen Sprache Esperanto veröffentlichte und der am 14. April 1917 starb, vor hundert Jahren. Zamenhof ist der einzige Autor einer geplanten Sprache, dessen Projekt auch zu einer lebenden Sprache mit reichhaltiger Kultur wurde.

Ein "beispielloser internationaler Erfolg"

Zu Recht hat die Nachrichtenagentur AFP vor kurzem Esperanto als „beispiellosen internationalen Erfolg“ bezeichnet. Diesen verdankt Esperanto vor allem der raschen Erlernbarkeit der Sprache – Esperanto kann man laut verschiedenen Schulversuchen in etwa einem Drittel bis einem Fünftel der Zeit lernen, die für andere Sprachen nötig ist.

Esperanto-Muttersprachler

Die internationale Sprache Esperanto hat sich inzwischen weltweit verbreitet. Esperanto-Sprecher gibt es heute in den allermeisten Ländern – man schätzt, dass ein paar Millionen diese Sprache gelernt haben und einige hunderttausend sie regelmäßig sprechen. Es gibt sogar schon etwa tausend Esperanto-Muttersprachler – eine naheliegende Entwicklung, wenn die Eltern regelmäßig zu internationalen Esperanto-Veranstaltungen fahren und oft Esperanto-Freunde zu Besuch haben. Schon 1901 schrieb Zamenhof, dass es für die Zukunft des Esperanto sehr hilfreich sei, wenn eine Gruppe von Menschen sie „als ihre Familiensprache annähme“ – 1904 wurde dann das erste Mädchen geboren, das mit Esperanto als einer ihrer Muttersprachen aufwuchs.

Bekannte Esperanto-Sprecher:
George Soros, J. R. R. Tolkien, Reinhard Selten

Zu den bekanntesten Menschen, die Esperanto sprechen oder sprachen, zählen der Investor George Soros, der Fantasy-Autor J. R. R. Tolkien und der Nobelpreisträger für Wirtschaft Reinhard Selten. Für den früheren deutschen Botschafter in Moskau, Ulrich Brandenburg, ist Esperanto Muttersprache.

Bücher und Esperanto-Lieder

Aus der Sprachgemeinschaft der Esperanto-Sprecher hat sich auch eine Kulturgemeinschaft entwickelt. Etwa zehntausend Esperanto-Bücher sind bisher veröffentlicht worden, jährlich kommen etwa 120 weitere hinzu. Bei youtube und an anderen Stellen finden sich reichlich Lieder in Esperanto. Da gibt es ein vielfältiges Angebot von Rockmusik und Schlagern bis Rap und HipHop.

Tägliche Nachrichten in Esperanto aus China

China veröffentlicht tägliche Nachrichten in Zamenhofs Sprache; dort wird auch eine Netz-Zeitschrift in Esperanto herausgegeben und es gibt Radio-Sendungen in Esperanto. Die Esperanto-Wikipedia hat über 230.000 Artikel und ist damit etwas größer als etwa die dänische oder hebräische Ausgabe. Die gesamte englische Wikipedia liegt in einer regelmäßig aktualisierten automatischen Esperanto-Übersetzung vor, WikiTrans, die für Esperanto-Sprecher vergleichsweise gut zu lesen ist – dank der einfachen Struktur des Esperanto. Übersetzungen in diese internationale Sprache bietet auch Google Translate an.

35.000 Esperanto-Prüfungen in Ungarn

In Ungarn hat sich die Zahl der Esperanto-Sprecher laut Volkszählung seit 1990 vervierfacht – damals wurden 2083 Esperanto-Sprecher gezählt, 2011 waren es 8397. Hintergrund ist neben der Öffnung Richtung Westen nach dem Ende des Kommunismus insbesondere die Tatsache, dass Esperanto in Ungarn offiziell als lebende Sprache anerkannt ist. So kann man bestandene Esperanto-Prüfungen an Hochschulen auch nutzen, um Fremdsprachenkenntnisse nachzuweisen oder um Punkte für die Aufnahme an der Hochschule zu sammeln. Das offiziell anerkannte Zertifizierungsinstitut Nyak hat daher seit 2001 mehr als 35.000 Esperanto-Prüfungen abgenommen – Esperanto liegt auf dem dritten Platz unter den angebotenen Sprachen, etwa gleichauf mit Französisch.

800.000 Esperanto-Lerner bei Duolingo

Mittlerweile wird Esperanto auf Dutzenden von Sprachlernseiten im Netz angeboten – wenn die Seiten zumindest 25 Sprachen im kostenlosen Angebot haben, ist Esperanto in der Regel dabei. Die meisten Lerner hat Duolingo.com sammeln können – dort haben sich bisher über 700.000 Lerner für die Esperanto-Kurse angemeldet. Seit kurzem gibt es neben dem bisherigen englischsprachigen Kurs auch einen spanischsprachigen; zusammen melden sich derzeit monatlich etwa 60.000 Menschen für das Erlernen der Sprache Zamenhofs an.

Unterdrückung und Verfolgung ab den dreißiger Jahren

In der Öffentlichkeit ist die weltweit zunehmende Verbreitung des Esperanto bisher noch wenig bekannt. Manchmal wird sogar geglaubt, niemand spreche mehr Esperanto. Das ist möglicherweise auf die Zeiten der Unterdrückung und Verfolgung der Esperanto-Sprecher zurückzuführen. Ab 1933 wurde Esperanto unter Hitler unterdrückt, fast alle Familienangehörigen von Zamenhof wurden später umgebracht und ab 1937 wurden Esperanto-Sprecher in Russland erschossen oder in Lager verfrachtet. Nach dem Krieg dehnten sich die Esperanto-Verbote zunächst auf praktisch ganz Osteuropa aus; in Rumänien wurden noch in achtziger Jahren Esperanto-Gruppen untersagt. Auch in Spanien und Portugal wurde Esperanto unter Franco und Salazar jahrzehntelang unterdrückt.

Schwieriger Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg

So war die Esperanto-Sprachgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg arg dezimiert und mancher Außenstehende hat wohl geglaubt, eine weitere Zukunft für Esperanto gebe es nicht. Die meisten Menschen hatten zunächst auch anderes im Sinn, als eine Sprache für Freizeit und Ferien zu lernen. Dazu kam, dass die Bemühungen, Esperanto auf politischem Wege voranzubringen, abgesehen von freundlichen Worten nicht viel erbrachten.

Ziele von Zamenhof …

In seinem ersten Lehrbuch von 1887 schreibt Zamenhof über die Ideen, die er mit seiner Sprache verband. Er nennt drei Hauptaufgaben: Zum einen solle die Sprache leicht erlernbar sein. Zum anderen solle sie nach dem Erlernen sofort für die internationale Kommunikation genutzt werden können, unabhängig davon, ob sie von der Welt anerkannt werde. Zum dritten sei ein Mittel zu finden, um dafür zu sorgen, dass die Sprache von einer großen Anzahl von Menschen gelernt und angewendet werde.

… und ihre Verwirklichung

Offensichtlich ist es Zamenhof geglückt, eine rasch erlernbare Sprache zu schaffen, die auch von einer im Laufe der Jahrzehnte – von Zeiten der Unterdrückung abgesehen – stetig wachsenden internationalen Sprachgemeinschaft gelernt und gesprochen wird. Vermutlich gibt es aber kein solches Zaubermittel, von dem Zamenhof träumte, um zu erreichen, dass eine große Zahl von Menschen Esperanto lernt. Es sieht danach aus, dass sich eine solche neue und zunächst ungewohnte Sache wie eine geplante Sprache nur allmählich mehr und mehr ausbreitet.

Offensichtlich sind auch Politiker nur selten zu dem Risiko bereit, sich mit der Unterstützung von etwas so Neuem die Finger zu verbrennen. Zamenhof meinte 1910 in seiner Rede beim sechsten Esperanto-Weltkongress in Washington, die Regierungen kämen mit ihrer Unterstützung gewöhnlich erst dann, wenn „alles schon ganz fertig“ sei. Das angestrebte Ziel sei daher vermutlich eher mit der Arbeit von Privatleuten zu erreichen.

Sprache des Verstehens

Die Idee, eine internationale und möglichst leicht zu erlernende Sprache zu erschaffen, hatte Zamenhof schon als Jugendlicher. Er wuchs in Bialystok auf, heute im nordöstlichen Polen, das damals zum russischen Zarenreich gehörte. Dort lebten verschiedene Volksgruppen, vor allem Juden, Polen, Russen und Deutsche; sie redeten in unterschiedlichen Sprachen und verstanden sich oft weder sprachlich noch menschlich.

Zamenhof wollte die Grundlagen legen, damit sich Menschen verschiedener Muttersprachen miteinander unterhalten können, um sich kennenzulernen und ihre Probleme friedlich zu regeln. 1906 betont er in seiner Kongressrede in Genf, man sei nicht so naiv, dass man glaube, eine neutrale Grundlage mache aus den Menschen Engel. Verständigung und Kennenlernen auf neutraler Grundlage würden aber zumindest einen großen Teil derjenigen Bestialitäten und Verbrechen beseitigen, die nicht von Böswilligkeit herrührten, sondern davon, dass man sich gegenseitig nicht kenne.

Ein langer Weg

Dass dieses Ziel nicht in kurzer Zeit zu erreichen ist, dessen war sich Zamenhof gut bewusst. In einer Rede 1907 in Cambridge spricht er davon, dass die Esperanto-Sprecher für Esperanto arbeiten, weil sie hoffen, dass früher oder später, „vielleicht nach vielen Jahrhunderten“, die Völker in Übereinstimmung eine große Familienrunde bilden. Mag das Ziel bezüglich der gesamten Menschheit auch utopisch sein – die Esperanto-Sprecher verwirklichen es bereits heute in ihrer internationalen Sprachgemeinschaft.

Viele Sprachen schon in der Kindheit und Jugend

Eine gute Grundlage für Zamenhofs Sprachschaffen waren seine Sprachkenntnisse. Er wuchs mit Jiddisch und Russisch auf, lernte Hebräisch und Polnisch und von seinem Vater, der lange Zeit Sprachlehrer war, Deutsch und Französisch. In der Schule standen auch Griechisch, Latein und Englisch auf dem Programm. So hatte Zamenhof einen breiten Überblick über die Grammatik verschiedener Sprachen und deren Wortschatz. Er wählte gemeinsame Strukturen und in vielen Sprachen verbreitete Wortstämme aus und fügte sie zu seiner eigenen Sprache zusammen – einfach aufgebaut und rasch erlernbar; möglichst viele Menschen sollten Wörter aus ihren Muttersprachen wiederfinden.

Erste Sprachversion mit 19

Zu seinem 19. Geburtstag, 1878, war eine erste Version einer „Lingwe Uniwersala“, einer Universalsprache, fertig, die er feierlich mit Klassenkameraden einweihte, auch mit einem Lied in der neuen Sprache. Nach dem Abitur studierte Zamenhof Medizin und wurde Augenarzt. Nebenher interessierte er sich unter anderem für die Struktur des Jiddischen und erstellte die weltweit erste jiddische Grammatik. Außerdem überarbeitete er seinen Entwurf einer internationalen Sprache und feilte ihn anhand von Übersetzungen aus.

Veröffentlichung 1887

1887 heiratete Zamenhof Klara Zilbernik und konnte dank der Mitgift seines Schwiegervaters seine Sprache veröffentlichen – auf Russisch, Polnisch, Deutsch, Französisch und bald danach auch auf Englisch. Er wählte das Pseudonym D-ro Esperanto, ein Hoffender; es ist denkbar, dass sein Vater, der eine Zeitlang als Zensor arbeitete, ihm aus Vorsicht zu einem Pseudonym geraten hatte. Die erste Version des nur etwa 50 Seiten umfassenden Buchs unter dem Titel „Internationale Sprache“ erhielt am 26. Juli 1887 von der Zensur die Genehmigung zur Verbreitung der gedruckten Exemplare – dieser Tag zählt als Geburtstag des Esperanto.

Drei Gedichte in Esperanto

Neben der Darstellung der neuen Sprache und der Hintergründe waren auch sechs Sprachbeispiele enthalten: Der Beginn der Bibel, das Vaterunser, ein Brief sowie drei Gedichte, zwei von Zamenhof selbst und eine Übersetzung aus dem Buch der Lieder von Heinrich Heine. So machte Zamenhof unmittelbar klar, dass er eine Kultursprache auf den Weg bringen wollte, weit mehr als nur ein einfaches Mittel der Verständigung. Aus dem Autorennamen entwickelte sich rasch der Sprachname – die Sprache des Dr. Esperanto oder kurz: Esperanto.

Erste Esperanto-Gruppe, Zeitschrift, Weltkongress

Das erste Esperanto-Buch, auf Esperanto „Unua Libro“, enthielt auch ein paar Coupons, auf denen sich der Unterzeichner verpflichten konnte, Esperanto zu lernen, wenn zehn Millionen Menschen dieselbe Erklärung unterzeichnet hätten. Zamenhof erhielt nur eine vergleichsweise geringe Anzahl dieser Coupons zurück – bis 1910 etwa 25.000; die Einsender wurden in Adressverzeichnissen veröffentlicht. Viele Leser des „Unua Libro“ lernten allerdings die Sprache gleich und begannen an den Autor der Sprache in Esperanto zu schreiben. Schon nach zwei Jahren gab es eine erste Esperanto-Gruppe, in Nürnberg, wo dann auch die erste Esperanto-Zeitschrift erschien, La Esperantisto. In den Folgejahren bildeten sich mehr und mehr örtliche Esperanto-Gruppen, später nationale Esperanto-Verbände und 1905 wurde in Boulogne-sur-Mer der erste große internationale Esperanto-Kongress veranstaltet, mit knapp 700 Teilnehmern.

Schwierige Jahre des Berufsanfangs

In den Jahren nach der Veröffentlichung der ersten Esperanto-Bücher mühte sich Zamenhof in verschiedenen Städten, sein Brot als Augenarzt zu verdienen. Erst die Praxis in Warschau ab 1897 gab eine bessere finanzielle Grundlage für die Familie. Mit der zunehmenden Verbreitung des Esperanto erhielt er dann auch gelegentlich Honorare für die Herausgabe von Büchern oder die Mitarbeit bei einer Zeitschrift.

Übersetzungen von Hamlet, Die Räuber, Andersens Märchen

Zamenhof nahm an den jährlichen Welt-Esperanto-Kongressen in verschiedenen Ländern teil und wurde dort von der wachsenden Zahl der Esperanto-Sprecher als „majstro“, Meister, gefeiert. 1912, 25 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Esperanto-Lehrbuchs, zog er sich beim Esperanto-Weltkongress in Krakau von seiner inoffiziellen Position als Leiter der entstehenden Sprachgemeinschaft zurück. Die sprachliche Entwicklung wurde schon seit einigen Jahren von einem Sprach-Komitee, „Lingva Komitato“, begleitet. Neben den nationalen Esperanto-Verbänden bildete sich 1908 auch ein „Universala Esperanto-Asocio“ (Welt-Esperanto-Bund), der ein Jahrbuch mit Adressen von Esperanto-Sprechern, Organisationen und Büros herausgab. Zamenhof selbst kümmerte sich u. a. um Übersetzungen; er übertrug Hamlet, Die Räuber, große Teile des Alten Testaments und Andersens Märchen ins Esperanto.

Kurzzeitige Konkurrenz

Ein gewisser Rückschlag war die Entwicklung eines reformierten Esperanto, Ido, dem sich ab 1907 etwa 10 bis 20 % der bisherigen Esperanto-Sprecher zuwandten. Auch wenn dies mit einiger Auseinandersetzung verbunden war – die weitere Verbreitung des Esperanto wurde dadurch nur wenig verlangsamt; dazu trug u. a. bei, dass das Ido mehrfach reformiert wurde.

Früher Tod

Zamenhof litt an einer Herz- und Lungenschwäche. Er musste seine Arbeit als Augenarzt aufgeben und starb am 14. April 1917 in Warschau, wo er auch begraben ist.

Zamenhofs Lebenswerk:
Eine internationale Sprach- und Kulturgemeinschaft

Auch wenn ein Teil der Träume von Zamenhof sich bisher nicht verwirklicht hat – Ludwik Zamenhof hat die Grundlage für eine neue und relativ schnell erlernbare internationale Sprache geschaffen, zu der sich eine weltweite Sprach- und Kulturgemeinschaft gebildet hat. Zamenhofs Sprache hat ausgehend von einem schmalen Büchlein innerhalb von wenig mehr als einem Jahrhundert einen Platz unter den fünfzig international am meisten verwendeten Sprachen gefunden. Nur wenige Menschen haben eine vergleichbare Wirkung mit ihrem Lebenswerk erreicht.


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Mehr Informationen zu Esperanto

Presse-Informationen

Quellen

(teilweise in Esperanto; Google Translate liefert eine ungefähre Übersetzung)

AFP: „unprecedented international success“
z. B. yahoo.com

Zamenhof über Esperanto als Familiensprache
Brief an Abram Kofman (28. Mai 1901),
Familia lingvo
Letero al Kofman

Youtube, Esperanto-Musik (Suche: Esperanto + muziko)
youtube

Tägliche Nachrichten in Esperanto aus China
china.org.cn

Außerdem aus China
Radio
Zeitschrift „El Popola Ĉinio“

Esperanto-Wikipedia
Wikipedia

WikiTrans (englische Wikipedia auf Esperanto)
WikiTrans

Google Translate für Esperanto
Google Translate

Ungarn, Volkszählungen 1990, 2001, 2011
Esperanto nach den Sprachkenntnissen in der Bevölkerung etwa auf Platz 15
Ungarische Volkszählung

Esperanto-Prüfungen in Ungarn, Institut NYAK
NYAK, Prüfungsanmeldungen

Esperanto-Sprachkurse bei Duolingo.com
Duolingo.com, Sprachkurse auf Englisch
Duolingo.com, Sprachkurse auf Spanisch

Erstes Esperanto-Buch, Unua Libro, Hauptaufgaben
Erstes Esperanto-Buch

Zamenhof, 1910
Regierungen kommen mit ihrer Hilfe erst dann, wenn alles schon ganz fertig ist.
(„ la registaroj venas kun sia sankcio kaj helpo ordinare nur tiam, kiam ĉio estas jam tute preta“)
Zamenhof über Regierungen

Zamenhof, 1906, Genf
Nicht so naiv…
(Ni ne estas tiel naivaj, kiel pensas pri ni kelkaj personoj ; ni ne kredas, ke neŭtrala fundamento faros el la homoj anĝelojn … )
Zamenhof über Naivität

Zamenhof, 1907, Cambridge
vielleicht nach vielen Jahrhunderten …
(eble post multaj jarcentoj)
Zamenhof über die zu erwartende Zeitspanne

Erstes Esperanto-Buch, 1887, drei Gedichte
Drei Gedichte im "Unua Libro"


Esperanto im Vergleich zu anderen Sprachen


Es gibt eine Reihe von einzelnen Studien und Hinweisen, dass Esperanto unter den 50 international am meisten verwendeten Sprachen ist:

- Esperanto im Vergleich mit anderen Sprachen mit lateinischer Schrift an Stelle 27 laut Textmenge im Internet. Gregory Grefenstette, Julien Nioche. Estimation of English and non-English Language Use on the WWW (2000).
Esperanto im Internet, Textmenge

- Esperanto wird von Internet-Anbietern in der Regel nach etwa 20 bis 50 anderen Sprachen eingeführt (z. B. früher eine von 42 Suchsprachen bei Google; dort heute mehr Sprachen. Eine von etwa 70 Übersetzungssprachen bei Google Translate.)

- Bei den ungarischen Volkszählungen taucht Esperanto bezüglich der Sprachenkenntnisse im Vergleich mit anderen Sprachen schon 1940 etwa an Stelle 17 auf. Heute etwa Platz 15.
Volkszählung, Ungarn


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