Sprachpolitik, Esperanto in Europa
Esperanto weiterhin vom Bundeswettbewerb Fremdsprachen ausgeschlossen

14.09.2011

Auch für den Wettbewerb 2011/12 ist Esperanto - wie schon seit 30 Jahren - vom Bundeswettbewerb Fremdsprachen ausgeschlossen: "Nicht erlaubt sind Kunst- oder Plansprachen." Warum Plansprachen und damit insbesondere Esperanto ausgeschlossen werden, darauf bleibt Bernhard Sicking, Geschäftsführer des Wettbewerbs, bei Facebook bisher die Antwort schuldig.

Martin Schaeffer, Generalsekretär des Deutschen Esperanto-Bundes, hatte auf den Facebook-Seiten des Wettbewerbs nachgefragt, was eigentlich der Grund für die Nicht-Zulassung von Esperanto ist. Die Antwort vom vergangenen Montag war nur eine Wiederholung der Bedingungen: "Hallo, die Spielregeln des Wettbewerbs sehen vor, dass zum Oberstufenwettbewerb alle lebenden Staats- und Verkehrssprachen (kein Deutsch) sowie Latein gewählt werden können."

Ergänzt wurde das mit einer offensichtlich fehlerhaften, aber doch amüsanten Erläuterung: "Kunst- und Staatssprachen können nicht gewählt werden." Wenn dem wirklich so wäre, dann fiele der nächste Wettbewerb wohl aus - selbst Latein ist in einem Land Staatssprache, nämlich im Vatikanstaat. Gemeint waren "Kunst- und Plansprachen".

Diskriminierung von Esperanto-Sprechern

Mit dem Ausschluss von Esperanto als Wettbewerbssprache werden Esperanto-Sprecher gegenüber Sprechern anderer Sprachen diskriminiert. Im Fall von Esperanto-Muttersprachlern - davon gibt es weltweit mehrere Tausend und auch in Deutschland einige im schulpflichtigen Alter - bedeutet dies wohl einen Bruch von Artikel 3 des Grundgesetzes. Danach darf niemand wegen seiner Sprache benachteiligt oder bevorzugt werden. Wenn nun jemand Esperanto als Muttersprache hat und am Wettbewerb mit z.B. Französisch und Esperanto teilnehmen will, so ist dies nicht erlaubt. Hingegen wird ein Italienisch-Muttersprachler mit Französisch und Italienisch zugelassen.

Dies wäre vielleicht noch kein Rechtsbruch, wenn der Wettbewerb eine rein private Veranstaltung wäre. Allerdings trägt das Bundesministerium für Bildung und Forschung etwa die Hälfte der Kosten und die Kultusministerien der Länder unterstützen den Wettbewerb vielfältig. Sie alle müssten natürlich darauf achten, dass die Grundrechte geachtet werden. Aber sie tun es nicht. Sie geben auch keinen glaubwürdigen Grund für den Esperanto-Ausschluss an. Anfang 2010 hieß es, man wolle insgesamt die Zahl der Sprachen verringern, da habe es keinen Sinn nun noch Esperanto einzuführen - in der Ausschreibung 2011/12 ist von einer Verringerung der Sprachenzahl beim Oberstufenwettbewerb aber nichts zu sehen.

Esperanto-Ausschluss seit 30 Jahren

Damit bleibt die Frage, warum eigentlich Esperanto immer wieder ausgeschlossen wird. Dies hat der Beirat des Wettbewerbs nunmehr drei Mal entschieden - einmal etwa 1981, anlässlich des ersten Bundeswettbewerbs, als laut Ausschreibung alle lebenden Fremdsprachen zugelassen waren; die angemeldeten Schüler, u.a. Martin Haase, heute Professor für Romanistik in Bamberg, wurden dennoch mit einem Sonderbeschluss abgelehnt. Eine zweite Ablehnung folgte um 1990, als erneut gebeten wurde, Esperanto gleichberechtigt zu behandeln. Ein drittes Mal hat der Beirat die Teilnahme mit Esperanto im Februar 2010 abgelehnt.

Die Konsequenzen einer möglichen Esperanto-Einführung


... für Dolmetscher und Übersetzer

Warum also wird Esperanto ausgeschlossen? Und warum ist der wahre Grund offensichtlich so geheim, dass sich niemand traut, ihn offenzulegen? Einer möglichen Antwort kommt man etwas näher, wenn man sich mit Dolmetschern oder Übersetzern über Esperanto unterhält. Etwa jeder zweite erwähnt dann, dass eine mögliche allgemeine Einführung von Esperanto dazu führen würde, dass ihr Beruf im wesentlichen verschwinden würde; die Angst um den langfristigen Erhalt ihrer Arbeit ist spürbar, auch wenn sie vielleicht Esperanto keine großen Chancen zubilligen - aber man weiß ja nicht, was die Zukunft bringt... Den Fall der Mauer hatte ja auch kaum einer vorhergesehen.

... sowie für Fremdsprachenlehrer

Die Situation für Fremdsprachenlehrer wäre vielleicht ein wenig besser, aber auch bedrohlich. Esperanto ist bis zu einer bestimmten Sprachbeherrschung schließlich mit etwa einem Drittel des Aufwands für nationale Sprachen zu lernen, vielleicht sogar noch weniger. Dies würde bedeuten, dass bei einem theoretischen Übergang von Englisch zu Esperanto die Menge an Unterrichtsstunden, die z.B. ein Abiturient im Laufe seiner Schulzeit besuchen muss, von derzeit oft etwa 1500 Stunden Englisch auf höchstens 500 Stunden Esperanto sinken würde. Englisch wäre kein Pflichtfach mehr und die Schülerzahlen würden deutlich zurückgehen. Für einen kleinen Teil der Englisch-Lehrer wäre eine Fortbildung in Esperanto denkbar, aber der Bedarf wäre weitaus geringer als die Anzahl der nicht mehr benötigten Englisch-Lehrer.

... und Professoren

Auch im Bereich der Universitäten würde sich eine Verschiebung zugunsten von Esperanto ergeben; die Anzahl der Lehrenden, die für die Ausbildung von Englisch-Lehrern benötigt würde, ginge erheblich zurück. Parallel würden natürlich die Forschungsgelder abnehmen.

Esperanto: Nicht für alle günstig

Letztlich ist stets der Widerstand derjenigen, die von einer gewissen zeitsparenden Neuerung betroffen wären, nur zu verständlich. Da eine weitere Verbreitung von Esperanto gerade im Bereich der Fremdsprachen für erhebliche Verschiebungen sorgen würde, ist dort keine Unterstützung zu erwarten, eher das Gegenteil.

Nach dem Motto "Wehret den Anfängen!"

So ergibt all dies keine rosigen Perspektiven für Fremdsprachenlehrer und Professoren, die sich ihren Fächern Englisch und Französisch auch über die persönlichen Umstände hinaus verbunden fühlen. Auch die Mitarbeiter in den zuständigen Ministerien sind sicherlich nicht angetan von solchen Aussichten, zumal viele von ihnen Fremdsprachen studiert und früher im Schuldienst gearbeitet haben. In der Summe scheint es daher nicht verwunderlich, dass gerade ein Fremdsprachen-­Wettbewerb, in dessen Beirat Fremdsprachenlehrer, Professoren und Vertreter von Kultusministerien sitzen, Esperanto mit aller Macht auschließen möchte. Von einem früheren Beiratsmitglied wird jedenfalls unter seinen Professorenkollegen gemunkelt, er habe sich beruflich nur für sehr wenig begeistern können - außer für sein Engagement gegen Esperanto...

Lu Wunsch-Rolshoven, EsperantoLand

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