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Am 21.6.2008 in den Oberösterreichischen Nachrichten

 
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Helmut
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BeitragVerfasst am: Sa Jun 21, 2008 4:52 am    Titel: Am 21.6.2008 in den Oberösterreichischen Nachrichten Antworten mit Zitat

Oberösterreichische Nachrichten und zugehöriges Forum

Gesprächspartner ist Professor Jürgen Trabant

Eine Diskussionsmöglichkeit ist gegeben.

Dann reden wir alle „Globalesisch“!
Die Vereinten Nationen haben 2008 zum Internationalen Jahr der Sprachen erklärt. Mehr als 6000 Sprachen gibt es auf der Erde, „doch in den nächsten Jahrzehnten werden Hunderte aussterben“, warnt der deutsche Sprachforscher Jürgen Trabant.

In einem Vortrag für das „Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften“ (IFK) in Wien über das „Ende der Sprache“ sah Trabant, Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin, nicht nur die Vielfalt der Sprachen gefährdet: Das gesprochene Wort selbst werde als Kommunikationsmittel zunehmend von nichtsprachlichen Formen verdrängt, vor allem von Bildern und Musik. „Das hat für das Sprachwesen Mensch unabsehbare Folgen“, sagt Trabant im OÖN-Gespräch.

OÖN: Was haben denn Bilder und Musik dem gesprochenen Wort voraus?

Trabant: Sie wirken stärker auf Gehirnbereiche, in denen unsere Gefühle sitzen, während die Sprachverarbeitung eher in anderen Arealen stattfindet. Deshalb sind Bild und Klang im Bewusstsein besonders präsent, ihre Rezeption vermittelt ein stärkeres Gefühlserlebnis als das Wort.

OÖN: Die früheste bildorientierte Kultur hatten wir in Europa im Paläolithikum, als unsere Ahnen Bilder der Jagdtiere an Höhlenwände malten. Führt uns die Dominanz der Bilder zurück in die Kommunikation der Steinzeit?

Trabant: Ich glaube nicht, dass die Steinzeitmenschen primär über bildliche Symbole kommunizierten. Wir haben einfach keine Sprachaufzeichnungen aus dieser Zeit. Die Höhlenmalereien sind nur das Augenfälligste, was uns überliefert wurde. Gerade sie zeigen, wie wichtig das gesprochene Wort für unsere Ahnen gewesen sein muss: Erst wenn sie die Jagdtiere sprachlich „bearbeitet“ hatten, wenn sie etwa sagen konnten, „das ist ein Bison“, oder „das ist ein Mammut“, konnten sie sie auch in Bilder umsetzen.

OÖN: Pädagogen beklagen einen zunehmenden Sprachverlust unserer Jugend, die sich nur noch von Musik berieseln und von Bildern aus Internet und Fernsehen fesseln lasse. Grund zur Sorge?

Trabant: Ja, denn diese passive Reizaufnahme ist eine Gefahr für den Intellekt. Da müssen wir gegenwirken! Die wichtigste Aufgabe fällt dabei den Eltern zu. Sie müssen wieder mehr mit den Kindern sprechen, den Jüngsten wieder mehr vorlesen, statt sie vor den Fernseher zu setzen oder ihnen den Kopfhörer überzustülpen, nur um Ruhe zu haben.

OÖN: Liegt die Attraktivität der Bilder als Kommunikationsmittel nicht darin, dass ihre Zahl unendlich groß ist, die Zahl der Wörter hingegen begrenzt?

Trabant: Das glaube ich nicht, denn die Kombinationsmöglichkeiten der Wörter sind ja völlig offen. Die gesprochene Sprache gibt Elemente und Regeln zum unendlichen Gebrauch vor. Angewendet wird sie in freier Kreativität.

OÖN: Wie viele Sprachen wird es am Ende des 21. Jahrhunderts noch geben?

Trabant: Von den derzeit 6000 Sprachen werden weltweit vielleicht 600 übrig bleiben. Verschwinden werden die Sprachen der kleineren ethnischen Gruppen, die sich den großen politischen Einheiten anschließen und ihre Sprache aufgeben werden.

OÖN: Sprache ist nicht nur Mittel der Verständigung, sondern als Muttersprache auch Mittel der Identifizierung mit einer Gemeinschaft. Wird es Deutsch als Muttersprache Ende dieses Jahrhunderts überhaupt noch geben?

Trabant: Deutsch wird nicht aussterben, leidet aber schon heute an einem wachsenden Statusverlust als Kultursprache. In den prestigeträchtigen Bereichen, also in der Forschung, im Firmenmanagement oder in der internationalen Politik, wird bei uns fast nur noch Englisch gesprochen.

OÖN: Wenn wir schon nicht einer neuen „Steinzeit“ entgegengehen, dann vielleicht einem neuen „Mittelalter“, in dem die Eliten ja auch nicht Deutsch gesprochen haben, sondern Latein!

Trabant: Das trifft zu, das globale Englisch ist ein „neues Latein“, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Latein war im Mittelalter niemandes Muttersprache, jeder Sprecher hatte deshalb dieselbe Ausgangsposition. Die Dominanz des Englischen hat hingegen enorme Nachteile für alle, die eine andere Muttersprache haben. Das zeigt sich zum Beispiel in den Chancen auf dem europäischen Arbeitsmarkt, wo englischsprachige „native speakers“ klar bevorzugt werden.

OÖN: Wird es in ferner Zukunft auf der ganzen Welt nur noch eine Einheitssprache geben?

Trabant: Wohl kaum, weil die Sprecherzahl der wichtigsten nichtenglischen Sprachen wie Chinesisch, Arabisch, Hindi, Spanisch zu groß ist und sogar ansteigt. Doch über die letzten verbliebenen Einzelsprachen wird sich ein aus dem Englischen abgeleitetes „Globalesisch“ wölben.

OÖN: Wäre nicht Esperanto eine Alternative?

Trabant: Esperanto wäre nicht schlecht, es ist politisch neutral, wie Latein, und einfacher als dieses. Aber als künstliche, starr regulierte Sprache ist es eben auch eine „Nichtsprache“, die sich nicht durchsetzen kann.


OÖN: Geben Ihnen die mangelnden Sprachkenntnisse vieler Migranten zu denken?

Trabant: Das ist sicher ein großes Problem für die Zukunft! Die Politik muss dringend Programme entwickeln, die die Migranten dazu bringen, Deutsch zu lernen. Man kann den Einwanderern natürlich nicht ihre Muttersprache nehmen, aber in der Schule – besser noch im Kindergarten – müssen die Kinder unsere deutsche Standardsprache lernen, damit sie endlich wirklich bei uns ankommen.

OÖN: Wurden Sie selbst in der Standard-Hochsprache erzogen?

Trabant: Ich bin in Frankfurt aufgewachsen, in meiner Familie wurde hessischer Dialekt gesprochen. In der Schule lernten wir aber die Hochsprache.

OÖN: Wird es bei uns bald eine sprachliche Zweiklassen-Gesellschaft geben?

Trabant: Das fürchte ich, vor allem in Deutschland, wo sich zunehmend eine englischsprachige Elite vom Rest der Nation abseilt. Die jungen, aufstrebenden Leute etwa in Berlin-Mitte oder München-Schwabing schicken ihre Kinder schon in englischsprachige Kindergärten, damit sie nur ja später im Aufsichtsrat von Siemens sitzen können.

OÖN: Sie unterrichten Romanistik an der Freien Universität Berlin. Was fasziniert Sie an den romanischen Sprachen?

Trabant: Vor allem finde ich den Klang des Französischen einfach hinreißend, abgesehen davon kann man die romanischen Sprachen so gut miteinander vergleichen, weil man ihre gemeinsame Ur-Sprache Latein kennt, und man hat Zugang zu mehreren großen Weltkulturen.

OÖN: Und wie gefällt Ihnen das „österreichische“ Deutsch?

Trabant: Ich finde dieses „andere“ Deutsch sehr schön und bereichernd.

OÖN: Alle reden derzeit über Fußball. Liegt auch darin eine sprachliche Bereicherung?

Trabant: Zumindest bewirkt der Fußball eine ungeheure Sprach-Explosion: Von den Zuschauern hört man bei einem Match meist nur Schreie, Gesänge, Stöhnen, Jubel. Aber vorher und nachher wird unendlich darüber palavert. Die EURO ist eine gewaltige Textgenerierungsmaschine. Insofern ist das Ende der Sprache nicht zu befürchten.


Geändert am Sa Jun 21, 2008 6:08 am von Helmut

Geändert am Sa Jun 21, 2008 5:12 am von Helmut

Geändert am Sa Jun 21, 2008 4:57 am von Helmut
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Rudolf Fischer
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BeitragVerfasst am: Mo Jun 23, 2008 7:44 pm    Titel: Trabants Ausfälle gegen Esperanto Antworten mit Zitat

Ich habe ihm als Vorsitzender des Deutschen Esperanto-Bundes heute einen Brief geschrieben, in dem ich um Aufklärung bitte, wie er zu solchen Äußerungen kommt.

Es kann sein, dass er die berühmt-berüchtigten "16 Regeln ohne Ausnahme" für bare Münze genommen hat. Ich werde nicht müde, vor dieser irreführenden Vereinfachung bei der Information über Esperanto zu warnen. Man sieht ja, was damit angerichtet werden kann.

Einem Sprachwissenschaftler sollte sowas aber nicht passieren. Auch äußert man sich nicht über andere Sprachen, die man (offensichtlich) nicht weiter kennt, und schon gar nicht verunglimpfend und abwertend mit "Nichtsprache".
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Rudolf
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Lu Wunsch-Rolshoven
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BeitragVerfasst am: Di Jun 24, 2008 7:05 am    Titel: Überraschende Behauptungen von Prof. Trabant Antworten mit Zitat

Schön, dass du Trabant auch geschrieben hast. Ich habe ihm auch gleich am Sonntag für EsperantoLand eine E-Mail mit der Bitte um Erläuterung geschickt.

Es ist schon eine hohe Kunst, die Trabant hier an den Tag legt - in einem einzigen Satz drei zweifelhafte Äußerungen zu Esperanto unterzubringen:

"Starr reguliert" wirkt auf mich eher erheiternd, wenn ich die Fülle an Regeln in den nationalen Sprachen betrachte.

"Nichtsprache" ist ein interessanter, aber seltener Ausdruck; das Wort wird von Google 187mal gefunden. Auf eine sprachwissenschaftliche Definition darf man gespannt sein.

Bemerkenswert ist auch die These, dass Esperanto "sich nicht durchsetzen kann". Ich habe Trabant gebeten, mir doch Titel von Abhandlungen zu nennen, die das näher begründen. Es wirkt ja eher überraschend angesichts der Tatsache, dass sich die Esperanto-Nutzung stetig mit ein paar Prozent pro Jahr ausbreitet. Auch dass Esperanto bei den Volkszählungen in Litauen und Ungarn den 16. bzw. 18. Platz unter den von der Bevölkerung beherrschten Fremdsprachen einnehmen konnte, ist doch ein gewisser Hinweis auf Durchsetzungsfähigkeit; schließlich lag Esperanto 1887 schlicht auf dem letzten Platz unter damals vielleicht 7000 Sprachen (oder mehr, der Begriff Sprache ist ja nicht ganz eindeutig definierbar).

Auch bei der Äußerung von Trabant gilt wie bei der von Klaus (Tschechien): Wenn wir mit Berichten zur Praxis des Esperanto noch öfter in der Presse auftauchen würden, hätten wir abfällige Bemerkungen seltener zu lesen. Wobei man bei Trabant ja betonen muss, dass sein erster Satz eigentlich ein Kandidat für die Titelseite von "Esperanto aktuell" ist:

"Esperanto wäre nicht schlecht, es ist politisch neutral, wie Latein, und einfacher als dieses."
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Rudolf Fischer
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BeitragVerfasst am: Di Jun 24, 2008 8:20 am    Titel: Re: Überraschende Behauptungen von Prof. Trabant Antworten mit Zitat

Lu Wunsch-Rolshoven hat Folgendes geschrieben:
"Starr reguliert" wirkt auf mich eher erheiternd, wenn ich die Fülle an Regeln in den nationalen Sprachen betrachte.


Das sieht er offenbar aber genau andersherum: Er bemängelt wohl am Esperanto die geringe Anzahl der "Regeln". Außerdem, dass sie ausnahmefrei sind. Ethnosprachen haben ja kaum Regeln ohne Ausnahmen.

Lu Wunsch-Rolshoven hat Folgendes geschrieben:
"Nichtsprache" ist ein interessanter, aber seltener Ausdruck;


Hat Chomsky aber auch schon einmal behauptet, hat Trabant wahrscheinlich übernommen. Dieser heftige Ausdruck hat sogar Detlev Blanke erzürnt. Er wird im Namen der Gesellschaft für Interlinguistik mit Trabant (den er kennt) Kontakt aufnehmen.

Lu Wunsch-Rolshoven hat Folgendes geschrieben:
Bemerkenswert ist auch die These, dass Esperanto "sich nicht durchsetzen kann".


So sieht es für den Außenstehenden nach dem jetzigen Augenschein aus. Ich fand bemerkenswerter, dass Trabant wohl glaubt, die Durchsetzbarkeit würde durch die Ausnahmefreiheit des Esperanto verhindert.

Also nach dem Motto: "Wenn wir noch ein paar hundert unregelmäßige Verben hinzufügen, setzt es sich auf einmal durch." Very Happy

Mit solchem Unsinn blamiert er sich nun wirklich. Man merkt dieser Haltung auch an, dass er völlig eurozentrisch denkt: Nur flektierende Sprachen scheinen für ihn "natürlich" zu sein, (streng) agglutinierende wie Esperanto "unnatürlich" und deshalb ohne Chance. Ja, bei manchen indoeuropäischen Philologen vielleicht ...

Lu Wunsch-Rolshoven hat Folgendes geschrieben:
Wobei man bei Trabant ja betonen muss, dass sein erster Satz eigentlich ein Kandidat für die Titelseite von "Esperanto aktuell" ist:

"Esperanto wäre nicht schlecht, es ist politisch neutral, wie Latein, und einfacher als dieses."


Nein, ich halte auch nichts von aus dem Zusammenhang gerissenen positiven Zitaten. Man sollte das aber erwähnen, wenn man den ganzen Ausspruch von ihm kommentiert. (Man kann ihm auch nicht einerseits bei den negativen Argumenten mit Recht die Kompetenz absprechen, darüber bei den positiven Argumenten aber hinwegsehen. Damit macht man sich unglaubwürdig.)
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Rudolf
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Dirk Bindmann
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BeitragVerfasst am: Di Jun 24, 2008 9:16 pm    Titel: Jürgen Trabant Antworten mit Zitat

Nach den vielen Kritiken möchte ich mich einmal als Trabant-Verehrer zu erkennen geben. Ich meine nicht die Automarke; ich bin überzeugter Fußgänger. Gemeint ist Jürgen Trabant, der Sprachwissenschaftler.

Dass er von Esperanto mehr kennt als dumme Vorurteile, hatte ich von ihm nicht erwartet. Bildung ist eben oft auch Verbildung. Dennoch sind seine restlichen Sprachbetrachtungen im Allgemeinen überhaupt nicht dumm. Gerade Esperantisten können in seinen Werken manches Interessante und Bedenkenswerte finden.

Empfehlenswert ist zum Beispiel: "Mithridates im Paradies. Kleine Geschichte des Sprachdenkens", als Taschenbuch neu aufgelegt unter dem Titel: "Europäisches Sprachdenken. Von Platon bis Wittgenstein". Trabant beginnt seine Geschichte eigentlich schon vor Platon, nämlich mit der Sprache des Paradieses. Diese war eine Einheitssprache, und die Sehnsucht danach bestimmte lange Zeit das europäische Nachdenken über Sprache. Auch Esperanto gehört in die Tradition der Sprache des Paradieses. Erst sehr spät, mit Leibniz, kam der Gedanke auf, die Verschiedenheit der Sprachen könnte auch einen Wert in sich bergen. Jürgen Trabant schlägt sich nun nicht auf eine der beiden Seiten, sondern meint -- in einer dialektischen Haltung, die ich Patentrezepten vorziehe --, die Lösung könne nur in einem Zusammendenken von Einheit und Verschiedenheit bestehen. Damit -- das ahnt Trabant natürlich nicht -- liegt er ganz auf der aktuellen sprachpolitischen Linie von UEA und anderen großen Verbänden. Interessant ist auch, dass das Zusammendenken sprachlicher Einheit und Verschiedenheit gerade in Leibniz, einem Plansprachler, verkörpert wird. Trabant selbst betont diese Tatsache nicht, einem esperantistischen Leser fällt sie jedoch sofort ins Auge.

Wer kein Geld für ein Buch ausgeben will, weil er schon eins hat, kann auch im WWW Texte von Jürgen Trabant finden. Zum Beispiel: "Sprache und Revolution" http://www.linguistik-online.de/13_01/trabant.html Darin geht es um die gar nicht so natürliche Durchsetzung der natürlichen Sprache Französisch in Frankreich.


Geändert am Di Jun 24, 2008 9:19 pm von Dirk Bindmann
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Lu Wunsch-Rolshoven
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BeitragVerfasst am: Di Jun 24, 2008 11:26 pm    Titel: Antworten mit Zitat

Ich denke nicht, dass es Sinn ergibt, sich mit den negativen Äußerungen irgendwelcher Sprachwissenschaftler zu Esperanto ernsthaft und länger auseinanderzusetzen oder sich gar ihretwegen zu ärgern.

Wenn sie unfreundlich werden, unwissenschaftlich daherargumentieren, unbewiesene Behauptungen in die Landschaft setzen oder ähnlichen Murks fabrizieren, bin ich zwar bereit, der entsprechenden Zeitung (o.ä.) dies mitzuteilen, vielleicht auch noch dem Autor selbst - aber man darf sie in Sachen Esperanto auch nicht zu wichtig nehmen. Egal, ob sie in anderen Gebieten nun Großes geleistet haben, was ich keinesfalls bestreiten möchte. Man sollte halt nicht von dem einen aufs andere schließen, auch wenn man natürlich stets die Neigung dazu verspürt.

In den zwanziger Jahren hat Antoine Meillet die Bemerkung gemacht: "Toute discussion est vaine: l'espéranto a fonctionné." (Alle Diskussion ist überflüssig: Esperanto hat funktioniert.) Man könnte heute sagen: Alle Diskussion ist überflüssig, Esperanto verbreitet sich.

Die Tatsache an sich, dass die "Oberösterreichischen Nachrichten" Prof. Trabant nach Esperanto gefragt haben, ist schon eine erhebliche Aussage pro Esperanto. Und auch die erste Hälfte der Antwort von Trabant; die Einschränkung mit dem zweiten Satz hebt den ersten nicht auf: Trabant ist offensichtlich kein Gegner von Esperanto, er sieht gewisse Vorzüge an dem Konzept. Er sieht allerdings auch Eigenschaften, die er als Mangel erachtet, und (möglicherweise deshalb, aber vielleicht auch allgemein) glaubt er nicht an eine glorreiche Zukunft für Esperanto.

Ich nehme an, dass ihm wesentliche Fakten zur Praxis von Esperanto einfach nicht bekannt sind: Die Volkszählungen in Litauen und Ungarn, die Verwendung im Internet, das Wachstum in den Bereichen Treffen, Musik, Muttersprachler und Außereuropa. Das taucht ja auch in den meisten Informationen der Esperanto-Verbände nicht auf. Letztlich kein Wunder, dass ein Außenstehender wie er dann annimmt, Esperanto könne sich nicht durchsetzen.

Von mir aus können im übrigen Chomsky und Trabant im Chor auf der Bühne singen, dass Esperanto eine "Nichtsprache" ist - das ist in der Praxis ziemlich unerheblich. Falls jemand tatsächlich so professorengläubig sein sollte und allein deswegen Esperanto nicht lernt, können wir auf ihn locker verzichten.

Im übrigen ist es ja Trabant, der sich auf dünnes Eis begeben hat, da stimme ich Rudolf zu. Wie will er nun den Begriff "Nichtsprache" definieren? Wie will er - außer mit allgemeinem Volksglauben - begründen, dass Esperanto sich "nicht durchsetzen kann"? Aber an sich war er ja als Wissenschaftler eingeladen...
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Rudolf Fischer
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BeitragVerfasst am: Mi Jun 25, 2008 8:00 am    Titel: Re: Jürgen Trabant und seine Werke Antworten mit Zitat

Dirk Bindmann hat Folgendes geschrieben:
Nach den vielen Kritiken möchte ich mich einmal als Trabant-Verehrer zu erkennen geben. ... Gemeint ist Jürgen Trabant, der Sprachwissenschaftler.


Unbestritten kann man Prof. Trabant nicht nach einer dummen Bemerkung beurteilen. Ich kenne ihn von seinen Werken ebenfalls schon länger und bin weitgehend seiner Meinung. Das habe ich ihm auch in meinem Brief an ihn geschrieben.

Auch passiert es mir ebenfalls, dass ich mal was Dummes sage. (Meine Frau meint sogar: häufig ...) Wink

Nun muss man dann dazu stehen, und ich bin gespannt, wie er reagiert.

Dirk Bindmann hat Folgendes geschrieben:
Dass er von Esperanto mehr kennt als dumme Vorurteile, hatte ich von ihm nicht erwartet.


Die Kritik ist nicht, dass er über Esperanto nichts weiß. Die Kritik ist, dass sich ein Fachmann immer dessen bewusst sein muss, dass er über vieles nichts weiß und dass man sich dann auch nicht darüber äußern kann, selbst wenn man danach gefragt wird.
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Rudolf Fischer
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BeitragVerfasst am: Mi Jun 25, 2008 8:19 am    Titel: Antworten mit Zitat

Lu Wunsch-Rolshoven hat Folgendes geschrieben:
Ich denke nicht, dass es Sinn ergibt, sich mit den negativen Äußerungen irgendwelcher Sprachwissenschaftler zu Esperanto ernsthaft und länger auseinanderzusetzen ...


O doch! Abgesehen von der fatalen Außenwirkung: Jede Kritik ist ernsthaft darauf abzuklopfen, ob nicht was dran ist, woraufhin man seinen eigenen Standpunkt evtl. teilweise zu revidieren hat oder einige Dinge in der Esperantowerbung anders akzentuiert. So muss in diesem Fall sehr wohl festgestellt werden, wie ernsthaft er Esperanto als "Nichtsprache" ansieht, ob das nur ein unüberlegter Patzer war oder ob er dafür Argumente anführen kann.

Lu Wunsch-Rolshoven hat Folgendes geschrieben:
Ich nehme an, dass ihm wesentliche Fakten zur Praxis von Esperanto einfach nicht bekannt sind: Die Volkszählungen in Litauen und Ungarn, die Verwendung im Internet, das Wachstum in den Bereichen Treffen, Musik, Muttersprachler und Außereuropa. Das taucht ja auch in den meisten Informationen der Esperanto-Verbände nicht auf. Letztlich kein Wunder, dass ein Außenstehender wie er dann annimmt, Esperanto könne sich nicht durchsetzen.


Ach Gott, Lu, du pflegst aber auch dein Bild von "den Esperanto-Verbänden", die letztlich an allem Schuld sind. Werde doch mal konkret! Gilt dieser Vorwurf auch dem Deutschen Esperanto-Bund? Allein unsere neuste Faltblattreihe würde das widerlegen.

Ich glaube auch gar nicht, dass ein Prof. Trabant solche Informationen wahrnehmen würde. Er bekommt ja jetzt Hinweise auf einschlägige Fachliteratur. Ich mache mir wenig Hoffnung, dass er daraufhin ernsthaft was liest. Das geht nach dem Motto: "Herr, erhalte mir meine Vorurteile! Sonst wird meine Welt zu kompliziert."

Lu Wunsch-Rolshoven hat Folgendes geschrieben:
Von mir aus können im übrigen Chomsky und Trabant im Chor auf der Bühne singen, dass Esperanto eine "Nichtsprache" ist - das ist in der Praxis ziemlich unerheblich. Falls jemand tatsächlich so professorengläubig sein sollte und allein deswegen Esperanto nicht lernt, können wir auf ihn locker verzichten.


Du vielleicht. Der Deutsche Esperanto-Bund möchte nicht auf die fast 100% professorengläubige Bevölkerung verzichten. Dazu ist mir zu oft von Außenstehenden gesagt worden, wann welcher Sprachwissenschaftler was gegen Esperanto abgelassen hat. Das macht schon viel kaputt.
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Rudolf
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Lu Wunsch-Rolshoven
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BeitragVerfasst am: Mi Jun 25, 2008 3:21 pm    Titel: Unterschiedliche Auffassungen beim DEB und bei EsperantoLand Antworten mit Zitat

Wie unsere Beiträge zeigen, haben wir mal wieder deutlich unterschiedliche Auffassungen. Da ich schon Anfang der achtziger Jahre den Eindruck hatte, dass ich andere Vorstellungen von Esperanto-Arbeit habe als die Verantwortlichen im DEB, habe ich mich nach langer Unzufriedenheit mit meiner Mitgliedschaft dort, nach etwa zwei Jahrzehnten in der Esperanto-Liga Berlin und damit im DEB, Ende 2001 entschlossen, meine eigenen Vorstellungen außerhalb dieser Vereinigungen umzusetzen. Das hat den Vorteil, dass ich mich normalerweise wenig damit beschäftigen muss, meine Einschätzung und Vorgehensweise zu begründen oder über sie zu diskutieren. In Sachen Dialog über Esperanto kann ich mich auf Journalisten konzentrieren, was z. B. auch die Organisatoren der DEB-Veranstaltung PSI in Anspruch nehmen.

DEB

Ja, meine Feststellung betrifft auch den DEB. Ich habe es mit großem Bedauern zur Kenntnis genommen, dass der DEB über sehr lange Zeit sich praktisch gar nicht um Pressearbeit gekümmert hat - jedenfalls sind bis heute Ergebnisse von DEB-Pressearbeit nur äußerst selten in der Öffentlichkeit zu finden. Es ist schön, dass der DEB jetzt Informationsblätter herausgegeben hat - aber damit kann man nur Bruchteile der Bevölkerung erreichen. Artikel in Zeitungen, Beiträge in Radio oder Fernsehen erreichen Hunderttausende oder Millionen - von Faltblättern kann man vielleicht ein paar Zehntausend verteilen.

Fernsehbeiträge in den 80er Jahren

Vor kurzem bin ich nochmal daran erinnert worden, dass Thomas Pusch um 1990 in so etwa 20 Fernsehbeiträgen war oder die Aufnahmen betreut hat; ich selbst schätze, dass ich bei etwa 30 liege, vor allem von 1980 bis 1990. Diese Intensität wurde weder von der Jugend noch vom DEB fortgeführt. Es ist freie Entscheidung der Verantwortlichen von Jugend und DEB, Pressearbeit mit dem dafür notwendigen Engagement zu betreiben - oder sich auf die Positionen "Keines der Mitglieder wollte das machen" oder "Unseren Text hat ja leider keine Zeitung übernommen" zurückzuziehen. Wenn allerdings Pressearbeit nicht mit Nachdruck und Erfolg betrieben wird - obwohl ich derzeit zweimal jährlich zeige, dass das geht - dann stelle ich Differenzen in den Grundauffassungen zu Esperanto-Arbeit fest. In einem Umfeld mit so unterschiedlichen Auffassungen möchte ich nicht meine Arbeitszeit verbringen. Es reicht mir nicht, dass mir die DEB-Verantwortlichen gestatten, im Namen des DEB Pressearbeit zu machen - ich möchte ein Umfeld, in dem die anderen am selben Strick ziehen, mit ähnlichem Engagement und in dieselbe Richtung.

Leserbriefe und effektive Pressearbeit

Wenn es dem DEB nicht gelingt, seine Darstellung des Esperanto in die Medien zu bringen - und der DEB der einzige Esperanto-Vertreter ist - dann erscheint halt nichts von unserer Seite in der Öffentlichkeit und die Gegner des Esperanto haben leichtes Spiel. Es ist auch viel zu spät und reichlich uneffektiv, nach einem Artikel einen Leserbrief zu schreiben. Ich tue das zwar manchmal auch, um die Aussage nicht so in den Medien zu belassen. Aber erst keine effektive Pressearbeit zu betreiben und anschließend seine Energie auf Leserbriefe zu verwenden - das ergibt in der Summe ein geringes Ergebnis pro Arbeitsstunde.

Neue Faltblätter

Ich habe von den neuen Faltblättern sechs verschiedene Ausgaben. Wenn ich nichts übersehen habe, steht nichts von Volkszählungen in Ungarn oder Litauen drin und dass dort Esperanto Platz 16 bzw. Platz 18 unter den beherrschten Fremdsprachen erreicht hat. Esperanto im ungarischen Bildungssystem oder bei der chinesischen Regierung habe ich nicht gefunden. Das Wort "Internet" steht nur in einem Satz über Esperanto-Musik, das Wort "Wikipedia" ist mir nicht über den Weg gelaufen [Satz geändert, Do. 26. 6., 10.03 h. - Über Esperanto im Internet informiert das Faltblatt "Esperanto - der Nutzen", das mir fehlte; Mo. 30. 6., 0.25 h]. Einen sanften Hinweis auf Wachstum enthält der Satz "1887 wurde Esperanto erstmals vorgestellt und hat seit dem eine weltweit wachsende Zahl von Nutzern gefunden." Außerdem ist Esperanto-Musik "heute so vielfältig wie nie zuvor." Das beeindruckende Wachstum der deutschen Esperanto-Treffen fand ich nicht erwähnt, Muttersprachler auch nicht, Außereuropa als speziellen Wachstumsbereich auch nicht. Aber vielleicht ist das alles ja gesammelt im siebten oder achten Faltblatt, die ich nicht habe.

Trabant wird seine Meinung kaum ändern

Auch ich glaube nicht, dass Trabant nun ernsthaft sein Urteil zu Esperanto ändert. Gerade deshalb bringt halt die Auseinandersetzung mit ihm wenig. Es hat wenig Sinn, gegen harte Gegner zu kämpfen - Deutschland ist voll von Leuten, die gerne mehr über Esperanto wissen wollen und das dann auch lernen werden. Denen müssen wir Informationen in den Medien rüberreichen. Wenn ein paar Artikel veröffentlicht wurden, dann registriere ich auch mehr Bücherbestellungen als sonst.

Lu Wunsch-Rolshoven hat Folgendes geschrieben:
Von mir aus können im übrigen Chomsky und Trabant im Chor auf der Bühne singen, dass Esperanto eine "Nichtsprache" ist - das ist in der Praxis ziemlich unerheblich. Falls jemand tatsächlich so professorengläubig sein sollte und allein deswegen Esperanto nicht lernt, können wir auf ihn locker verzichten.


Rudolf Fischer hat Folgendes geschrieben:
Du vielleicht. Der Deutsche Esperanto-Bund möchte nicht auf die fast 100% professorengläubige Bevölkerung verzichten. Dazu ist mir zu oft von Außenstehenden gesagt worden, wann welcher Sprachwissenschaftler was gegen Esperanto abgelassen hat. Das macht schon viel kaputt.


Da haben wir schon wieder recht unterschiedliche Auffassungen. Ich weiß, dass wesentliche Teile der Bevölkerung professorengläubig sind. Das gilt allerdings in geringerem Maße für diejenigen, die in ihrem Leben schon mal eine Reihe von Professoren kennengelernt haben - und daher Ansichten von Professoren aus diesen Erfahrungen heraus beurteilen und eben wissen, was ich mir zu einem meiner Leitsprüche gemacht habe: "Wenn jemand etwas sagt, ist es entweder richtig oder falsch!" (Soll heißen, es besagt noch nicht viel, dass er das sagt - oft genug hat er kaum nachgedacht.)

"Erste Fremdsprache für alle"

Der DEB ist der Auffassung: "Esperanto als die erste Fremdsprache für alle ist eine Chance, um die internationale Verständigung zu erleichtern." Ich bin der Auffassung, dass es viele Nachteile bringt, das heute zu erklären. Zum einen kommt man in Gefahr, nun jedem nachzulaufen und sich damit völlig zu verlieren. (Ich hingegen bin der Auffassung, unsere Kernzielgruppe umfasst etwa 10 % derjenigen, die heute Englisch sprechen. Wenn wir von denen ein Hundertstel zum Erlernen von Esperanto bringen, dann haben wir die Sprecherzahl in etwa verdoppelt - und können uns dann dem zweiten Hundertstel zuwenden Smile

Zum anderen provoziert die genannte Aussage die Frage, wie weit wir denn sind mit dem Erreichen des Fernzieles und ob wir wirklich ernsthaft damit rechnen, es zu erreichen, und wenn ja, wann? Und es wird uns erläutert, dass wir ja in 120 Jahren noch nicht sehr weit gekommen seien, erst 0,1 % im Vergleich zum Englischen. Das ist ein schwieriges Terrain, das langwierige Erläuterungen nötig macht.

Ich möchte nicht in einem Verband Mitglied sein, der den obigen Satz in ein Faltblatt schreibt. Ich beschäftige mich jetzt seit 28 Jahren mit Esperanto-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, ich will so etwas nicht mehr. Wenn eine solche Aussage vom DEB in die Öffentlichkeit getragen wird, dann wird meine Informationsarbeit schwieriger.

In der Öffentlichkeitsarbeit ziehe ich einfach zu transportierende Aussagen vor, die auch leicht zu verteidigen sind: Esperanto macht Spaß. Esperanto verbindet Menschen aus vielen Ländern. Esperanto verbreitet sich mit 2 bis 5 % pro Jahr. Google verwendet Esperanto. China informiert in Esperanto. Firefox gibt's auch in Esperanto-Version. Usw.

Vielleicht sollten wir unsere Diskussion hier jetzt so langsam beenden. Ich möchte nicht jede meiner einzelnen Auffassungen hier begründen. Ich hab mal woanders zusammengeschrieben, in welchen Punkten ich eine von den allgemeinen Auffassungen abweichende Meinung habe - es sind bisher etwa einhundert Punkte. Ich will hier kein Buch schreiben, das mache ich lieber separat.


Geändert am So Jun 29, 2008 11:23 pm von Lu Wunsch-Rolshoven

Geändert am Do Jun 26, 2008 9:04 am von Lu Wunsch-Rolshoven
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Lu Wunsch-Rolshoven
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BeitragVerfasst am: Do Jun 26, 2008 8:53 am    Titel: Esperanto braucht Wachstum fürs Ansehen Antworten mit Zitat

Rudolf Fischer hat Folgendes geschrieben:
Ich glaube auch gar nicht, dass ein Prof. Trabant solche Informationen wahrnehmen würde. Er bekommt ja jetzt Hinweise auf einschlägige Fachliteratur. Ich mache mir wenig Hoffnung, dass er daraufhin ernsthaft was liest. Das geht nach dem Motto: "Herr, erhalte mir meine Vorurteile! Sonst wird meine Welt zu kompliziert."


Ich glaube eher, es geht nach dem Motto: "Ich kann mich jetzt auch nicht mit allem beschäftigen - Esperanto spielt für die Praxis eine zu geringe Rolle und hat für die absehbare Zukunft auch zu geringe Chancen, als dass ich mich damit auch noch befassen möchte." Schließlich hat Prof. Trabant ja doch eine Reihe von Aufgaben, z. B. folgende Forschungsschwerpunkte: Französische und italienische Sprachwissenschaft, Semiotik (Literatursemiotik), Sprachpolitik, Geschichte des europäischen Sprachdenkens, Sprachphilosophie, Historische Anthropologie (laut FU-Vorstellung).

So kann ich nachvollziehen, wenn Prof. Trabant darauf verzichten wird, nun Esperanto zu einem weiteren Forschungsschwerpunkt zu machen - was nicht heißt, dass er nicht mal ein wenig zu dem Thema liest.

Der Rahmen, in dem eine große Anzahl von Sprachwissenschaftlern vorhersehbar eine solche Entscheidung trifft, bedingt diese Wahl. Dieser Rahmen ist nach meinem Verständnis nur allmählich änderbar, wenn Esperanto stärker in den Medien auftaucht, und zwar als "Realität von heute und nicht als Utopie für übermorgen" (so der Titel meines Artikels von 1993 in "Esperanto aktuell"). Ergänzend reicht es nicht, sich für die weitere Verbreitung von Esperanto auszusprechen - es muss tatsächliches, messbares Wachstum stattfinden in einer Welt, in der von der Sicherheit im Straßenverkehr bis zur Wirtschaftsaktivität bei praktisch allem nach dem Fortschritt gefragt wird. Wer kein Wachstum vorweisen kann, dessen Einwirkungsmöglichkeiten als Gesprächspartner sind vermindert. (Und wegen dieses notwendigen Wachstums muss auch manchmal die bittere Pille geschluckt werden, dass eine weitere Esperanto-Veranstaltung als "Konkurrenz" auftaucht oder gar eine weitere Esperanto-Organisation. Ohne weitere Veranstaltungen ist Wachstum nicht realisierbar. Und ohne weitere Organisation wurde in den vergangenen Jahrzehnten kein Wachstum erreicht.)
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BeitragVerfasst am: Do Jun 26, 2008 11:30 am    Titel: Trabants Kritik zum "Umzug ins Englische" Antworten mit Zitat

Prof. Trabant hat übrigens einen interessanten Text geschrieben zum Umzug ins Englische.
Über die Globalisierung des Englischen in den Wissenschaften
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Darin beschreibt er zum einen die Diskussion vor einem halben Jahrtausend, als es um den Übergang vom Lateinischen zu nationalen Sprachen (oder sogar Dialekten) als Wissenschaftssprachen ging. Damals äußerten Professoren in etwa, das "Lateinische habe eine ganz besondere Qualität und Würde, so daß es überhaupt als einzige Sprache in den höheren Diskursuniversen zugelassen sei." Möglicherweise finden sich in der damaligen Literatur auch Äußerungen, die die geringere Qualität der aufkommenden nationalen Sprachen beschreiben (so wie wir heute von einer "Nichtsprache" Esperanto lesen können).

Trabant beschreibt weiter die Probleme, die heute durch Englisch als Wissenschaftssprache hervorgerufen werden. Englisch-Muttersprachler finden z. B. "unsere Versionen des Englischen unerträglich – und lassen es uns spüren". Er beschreibt Sprachen als Haus. Dem Haus des Deutschen kommt das oberste Stockwerk mit der Wissenschaftssprache abhanden und die vorher "Eigentümer im alten Haus waren, ziehen zur Untermiete in die obere Wohnung eines anderen Hauses, in dem sie natürlich nichts zu sagen haben". Er erläutert im einzelnen die Nachteile dieser Situation.

Es ist sicher erwägenswert, diese auch von Esperantosprechern beklagte Situation mit Zitaten von Trabant zu beschreiben und die Vorteile der Esperanto-Variante anzufügen. Damit auch die - unbestritten existierende - Gruppe der Professorengläubigen ein wenig Futter erhält.
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